Der Zettelkasten als Knowledge Management-System und darüber hinaus


Es gibt ein paar Themen, die mich seit Jahrzehnten beschäftigen, darunter zum Beispiel, wie ich Informationen und Wissen sinnvoll ablegen und wieder abrufen kann, ein Memex halt. In den 90ern war ich ein Fan von Apples HyperCard, seitdem habe ich vieles ausprobiert, und irgendwie hat sich nichts bewährt. Datenformate sind verschwunden (wie das von Apples HyperCard), und auch wenn die technischen Möglichkeiten heute viel breiter sind als damals, habe ich nicht den Eindruck, dass sie das grundlegende Problem gelöst haben. Es gibt keinen Quick Fix, der zu lesende Artikel und Bücher für einen liest und auch noch verstehen lässt. Zusammenfassungs-Services wie Blinkist vertraue ich nicht, ganz abgesehen davon, dass sie mir bei wissenschaftlichen Artikeln auch nicht helfen.

In den letzten Monaten habe ich mich daher wieder einem System zugewandt, das ich auch schon mal in den 90ern genutzt, aber dann für HyperCard aufgegeben hatte: Den Zettelkasten. Nicht irgendeinen Kasten mit Karteikarten, sondern ein Zettelkasten nach dem Luhmann’schen Prinzip. Niklas Luhmann war einer der bedeutendsten Soziologen des 20. Jahrhunderts, der eine unglaubliche Anzahl an wissenschaftlichen Publikationen vorweisen konnte. Sein Zettelkasten, der eigentlich aus mehreren Zettelkästen besteht, enthält ca. 90.000 Zettel und wird an der Universität Bielefeld digitalisiert. Luhmanns Produktivität hat er seinem Zettelkasten-System zugeschrieben, und nach einigen Monaten mit diesem System kann ich das nachvollziehen. Wie funktioniert der Zettelkasten?

Zunächst einmal gibt es ein paar Grundprinzipien:

  • Die Qualität eines Papers hängt davon ab, was schon vorher geschrieben wurde. In der idealen Welt sind die Gedanken im Zettelkasten schon so gut formuliert, dass sie so übernommen werden können. Beim Zettelkasten geht es also darum, Insights zu generieren, die es wert sind, veröffentlicht zu werden.
  • Alles, was man liest, wird verarbeitet und kommt in den Zettelkasten. Anstatt also einen Plan zu verfolgen (wie es häufig für das Schreiben von wissenschaftlichen Arbeiten empfohlen wird), landet alles im Zettelkasten und wird, sofern möglich, gleich miteinander verknüpft. Luhmann selbst hat seine Zettel immer im Hinblick darauf geschrieben, wie sie zu den bestehenden Karten passen. Aus dem Zettelkasten können aber auch jederzeit neue Gedanken entstehen.
  • Über alles zu schreiben anstatt gleich mit einer Hypothese zu beginnen hat auch den Vorteil, dass man weniger dem Selbstbestätigungsfehler ausgesetzt ist, durch den man alles ausblendet, was die eigene Hypothese gefährden könnte.
  • Anstreichen in einem Text ist sinnlos, der Lerneffekt ist gleich Null. Denken, so Luhmann, geht nicht ohne Schreiben. Handschriftliche Notizen sind den am Computer geschriebenen vorzuziehen, da hier eher die Essenz erfasst und somit das Verständnis erleichtert wird.
  • Der Zettelkasten ist kein Archiv und auch kein Ideenfriedhof wie die Moleskines.
  • Es existiert keine Informationshierarchie, Gedanken können in Luhmanns System einfach dazwischen geschoben werden. Hat man zum Beispiel eine Karte mit “1,2,1” und eine andere mit “1,2,2” numeriert, so wird einfach eine “1,2,1,a” dazwischen geschoben, falls ein Gedanke hier fehlt. Man muss sich also nicht vorab unendlich viele Gedanken machen, was die beste Struktur ist.
  • Selbstdisziplin ist wichtiger als IQ. Ein smartes Arbeitsumfeld sorgt dafür, dass man von vornherein keinen Widerstand hat.
  • Tägliches Arbeiten mit dem Zettelkasten führt zu einem neuen KPI für Wissensarbeiter: Wie viele Zettel am Tag erstellt wurden!

Wie funktioniert das mit dem Zettelkasten genau?

  • Bei der Lektüre eines Texts werden sogenannte “Literature Notes” erstellt, die nur die eigenen Gedanken zu einem Text in eigenen Worten enthalten.
  • Daraus entstehen “Permanent Notes”, die in den Zettelkasten kommen. Sie werden dann in den Zettelkasten integriert und die Literature Notes weggeworfen (darum habe ich auch meinen Scribe zurückgeschickt, da die Literature Notes damit doch nicht erstellbar waren).
  • Zusätzlich existieren “Fleeting Notes”, die alle Ideen enthalten, die man hat.

Das Zettelkasten-System ist höchst minimalistisch, keine fancy Notebooks oder Software-Tools. Die Reduktion oder auch schon Restriktion auf das Wesentliche beflügelt aber auch Kreativität und Denken (siehe Stokes 2001 und Rheinberger 1997). Natürlich gibt es auch Softwarelösungen wie The Archive, und die hätte für mich auch Vorteile: Meinen Zettelkasten habe ich nicht immer dabei. Auf der anderen Seite habe ich über mich selbst auch gelernt, dass, wenn ich vor einem Rechner oder iPad sitze, eher dazu verführt bin mich ablenken zu lassen. Daher trage ich nun immer Karteikarten mit mir rum.

Hier noch ein spannendes Video über Luhmanns Zettelkasten, wo er ihn selbst erklärt ab Minute 37:26:

Und hier der Forscher, der den Zettelkasten nun durchdringt:

 

Warum ich meinen Kindle Scribe zurückschicken werde

Ich hatte mich eigentlich sehr auf den bestellten Kindle Scribe gefreut, denn er schien zwei Probleme zu lösen, die ich in der Benutzung meines reMarkable habe:

  • Ich schreibe meine Notizen ungern an den Rand eines PDFs, sofern überhaupt genug Rand vorhanden ist, denn meine Arbeitsnotizen sind die Vorstufe der finalen Notizen, die in den Zettelkasten kommen. Einfach etwas anzustreichen ist wenig sinnvoll, das sagen auch einige Studien, ich muss meine eigenen Gedanken zu einem Text aufschreiben können, und das geht mit dem reMarkable 2 eben nicht.
  • Licht 🙂

Licht ist vorhanden, ansonsten ist der Kindle Scribe eine sehr enttäuschende Erfahrung für mich. Natürlich habe ich sowieso keine große Lust, Amazon Geld in den Rachen zu werfen oder meine Daten in deren Cloud zu haben, aber die Themen “Paper durcharbeiten” und “Lesen” sind für mich von enormer Relevanz, und da ich keine geheimen Sachen notiere… einen Tod muss man sterben. Vielleicht gibt es ja irgendwann mal eine Lösung, die ohne Cloud funktioniert. Aber wie gut ist der Scribe nun wirklich?

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Produktiver arbeiten mit dem Apple Stage Manager


 

Apples neue MacOS X Version, Ventura, sowie die neue iPadOS-Version 16, die in der 2. Hälfte 2022 auf den Markt kommen werden, bringt zahlreiche Neuerungen mit. Besonders das neue Multitasking-Werkzeug Stage Manager wurde ziemlich gehyped. Darum schauen wir uns das hier einmal genauer an.

Was macht der Stage Manager genau?

Das steht in der Pressemitteilung:

Stage Manager sorgt für ein komplett neues Multitasking-Erlebnis, bei dem Apps und Fenster automatisch organisiert werden und Nutzer:innen schnell und einfach zwischen Aufgaben wechseln können. Erstmals können Nutzer:innen damit auf dem iPad unterschiedlich große überlappende Fenster in einer einzelnen Ansicht erstellen, Fenster von der Seite per Drag & Drop ziehen und ablegen oder Apps aus dem Dock öffnen, um Gruppen von Apps zu erstellen – für schnelleres, flexibleres Multitasking. Das Fenster der App, in dem die Nutzer:innen arbeiten, wird in der Mitte angezeigt. Andere geöffnete Apps und Fenster werden auf der linken Seite in der Reihenfolge ihrer Aktualität angeordnet.

Hier stecken abgesehen vom Marketing-Blabla drei Infos drin:

  • Links sind Apps und Fenster in der Reihenfolge ihrer Aktualität angeordnet.
  • Man kann Apps und Fenster gruppieren.
  • Auch auf dem iPad kann man nun unterschiedliche große überlappende Fenster nutzen (zu den Einschränkungen kommen wir weiter unten)

Schauen wir uns zunächst die MacOS X-Version an. Wir sehen auf dem folgenden Bildschirmfoto 5 Apps/Fenster auf der linken Seite, wenn man genau nachsieht, dann sieht man sogar noch mehr, denn zwei Apps/Fenster sind bereits gruppiert (ganz unten).

Klickt man auf diese Fenster, dann sieht man die Fenster übereinander, hier mit einem anderen Beispiel:

Auf meinem eher kleinen 14″-Bildschirm ergibt das wenig Sinn. Ich kann zwar noch mit command-Tab zwischen den Fenstern wechseln, aber ich sehe die für meine Aufgabe zusammengehörenden Fenster nicht so, wie ich es bräuchte. Wahrscheinlich ist es bei einem so kleinen Screen besser, wenn man jedes für eine Aufgabe benötigte Fenster einzeln im Stage Manager ablegt.

So richtig gut funktioniert das noch nicht mit der Organisation der Fenster. RStudio zum Beispiel öffnet ein neues Fenster, wenn ich Code committe. Dieses wird nicht dem Hauptfenster von RStudio zugeordnet, sondern ist ein komplett neues Fenster. Das ist auch auf dem Screenshot oben zu sehen mit einem Mail-Fenster. So richtig zuende gedacht kommt mir das nicht vor.

Was aber ganz nett ist: Sieht man sich in einem Browser-Fenster ein YouTube-Video an, so wird dieses auch in der linken Leiste weitergespielt. Nicht dass man dann noch viel sehen könnte, aber in YouTubes Theatermodus kann man einem Video schon etwas folgen. Wie das der Konzentration zum Vorteil gereicht, das steht auf einem anderen Blatt.

Was sind die Vorteile?

Zunächst war ich etwas enttäuscht vom Stage Manager. Was soll hieran besser sein, wenn man für eine Aufgabe zwischen verschiedenen Apps wechseln muss? Für mich liegt der Vorteil in etwas völlig anderem, was Apple wahrscheinlich gar nicht so vorgesehen hat.

Wechselt man heute von einer App zu einer anderen, so verliert man die Sicht auf die vorherige App. Und so kann es passieren, dass man vergisst, was man eigentlich wollte (“Schnell noch mal gucken, was in der Mail genau geschrieben wurde… oh, da ist eine neue Mail, die muss ich erst einmal lesen”). Dadurch, dass die vorherigen Apps aber sichtbar sind, wird man sehr schnell daran erinnert, was man eigentlich tun wollte. Das hat bei mir in den wenigen Tagen, die ich den Stage Manager ausprobiert habe, schon ganz gut funktioniert.

Wie funktioniert der Stage Manager auf dem iPad?

Den Stage Manager gibt es auch auf dem iPad, allerdings nur für iPads mit einem M1-Prozessor. Mein nicht mal 1 Jahr altes iPad Air kann den Stage Manager also nicht nutzen. Nichtsdestotrotz konnte ich den Stage Manager auch auf einem iPad testen.

Zunächst einmal habe ich mich gefragt, wie viel Sinn der Stage Manager auf einem kleinen iPad-Screen ergibt. Klar, man kann iPads auch an einem externen Display anschließen. Da funktioniert das sicherlich gut. Ansonsten sehe ich die gleichen Vor- und Nachteile wie auf der MacOS-Version. Hier der Screen mit gebündelten Apps links:

Die übereinander liegenden Fenster auf dem iPad ergeben hier für mich noch weniger Sinn, allerdings habe ich auch nur ein 11″-Modell.

Braucht man den Stage Manager wirklich?

Ich bin etwas besorgt, dass dem Stage Manager das gleiche Schicksal widerfährt wie Mission Control: Kaum jemand kennt das Feature, die meisten Nutzer kommen wahrscheinlich nur aus Versehen da rein. Zudem muss man Stage Manager erst einmal aktivieren. Meine Vermutung ist, dass die meisten Nutzer die neuen OS-Versionen einfach nur deswegen installieren, weil sie automatisch installiert werden, nicht weil sie es unbedingt wollen (im Gegensatz zu früher, wo man sehnsüchtig auf eine neue MacOS-Version gewartet hat, zum Beispiel 1997 auf MaOS 8, für das man auch noch knapp 200 Euro bezahlen musste). Auf der anderen Seite merkt man manchmal erst, wie gut ein Feature es ist, wenn man es hat.

Die anderen Neuerungen der neuen OS-Versionen sind Kosmetik. Die Systemeinstellungen sehen auf MacOS jetzt genau so aus wie auf iOS und iPadOS. Sehr gespannt bin ich auf Freeform, aber das ist leider noch nicht in der Beta-Version dabei.

Apple Notizen – das wahre Memex für Wissensmanagement und Produktivität


 

1945 veröffentlichte Vannevar Bush seinen Artikel „As we may think“, in dem er über ein System namens Memex schrieb. Memex nahm Systeme und Ansätze wie HyperText vorweg, um verschiedene Arten von Materialen anhand von Stichworten verknüpfen und auffindbar machen zu können, „an enlarged intimate supplement to his memory“. Angesichts der damaligen technischen Möglichkeiten sollten die Daten noch auf Microfilm gespeichert werden, ansonsten war es eine ziemlich coole Apparatur:

Bushs Gedanken hatten großen Einfluss auf die Entwicklung des World Wide Webs, und sicherlich hat Wikipedia heute einiges von diesem Memex. Aber was ist mit dem eigenen Wissensmanagement? Wie speichert Ihr Gedanken, Materialien, Ideen, Notizen? Ein Problem ist, dass nicht nur Wissensarbeiter Unmengen an Informationen ausgesetzt sind, die es zu filtern, zu sortieren und durchzusehen gilt.

In den 80ern hatte Apple HyperCard im Angebot, ein proprietäres Multimedia-Hypertextsystem, das auch im Bildungsbereich Popularität genoß. Heute kommt wahrscheinlich notion.so einem solchen System am nächsten, und ich weiß, dass einiger meiner Studierenden diese App nutzen. Früher war es Evernote, heute Notion, morgen etwas anderes. Und alle paar Jahre konvertiert man seine Daten auf ein anderes System, oder eben auch nicht, weil es viel zu anstrengend ist. Wer hat Notizen aus alten Moleskines (waren in den 2000ern populär) konvertiert und greift heute noch auf sie zu? Ich bin kein Freund von ständig neuen Apps, sondern versuche auch hier nicht mehr zu installieren als notwendig, denn erfreulicherweise wird Apples beigefügte Software immer leistungsfähier.

Mit der neuen Version von MacOS X, Monterey, führt Apple nach iOS und iPadOS endlich auch Tags in die Notizen auf dem Mac ein. Anstatt der wenig flexiblen Ordner, die man natürlich dennoch behalten kann, ist es möglich einer Notiz mehr als einen Tag hinzuzufügen und dann auch nach mehreren Tags gleichzeitig zu suchen. Das kommt meiner Art zu arbeiten viel näher, denn nicht immer gehört alles nur einer Kategorie an. Gedanken, die ich mir zu einem R-Skript mache, kann ich später auch in meinem Blog verwenden und so weiter.

Aber das ist nicht die einzige Neuerung, die Apple Monterey mitbringt. So bieten die bereits aus den portablen Geräten bekannten Schnellnotizen die Möglichkeit, Text aus Webseiten zu speichern und dann auch auf diese zu referenzieren. Besucht man eine Webseite zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal, so ist der extrahierte Text markiert. Was passiert, wenn der Text auf der Webseite verändert wurde, habe ich noch nicht ausprobiert. Insgesamt hilft diese Funktion aber enorm weiter, ein Sammelsurium aus gespeicherten URLs, Bookmarks, Leseliste, Zitaten etc besser zu organisieren. (Der folgende Screenshot stammt aus einer Monterey Beta:)

Dass man nun auch auf dem Mac Text aus Bildern und Screenshots ohne Zusatzsoftware und tatsächlich noch besser als diese extrahieren kann, macht meinen Workflow noch viel einfacher. Finde ich eine Stelle in einem Papier-Buch interessant, aber hab keinen Stift zur Markierung dabei, fotografiere ich sie häufig mit dem Handy. Ich bin nicht sicher, wie viele solcher Fotos ich auf meiner Festplatte habe, immer mit dem schlechten Gewissen, dass ich ja bald mal hier aufräumen sollte. Der Cursor in Fotos in der neuen MacOS-Version wird automatisch zu einem Cursor für Text, wenn man ihn über einen Text bewegt, und schon kann man ihn selektieren und extrahieren. Hier muss man allerdings vorsichtig sein, dass man das Buch beim Fotografieren einigermaßen so hält, dass dies auch funktioniert, anders wie auf dem folgenden Foto:

Leider funktioniert das noch nicht in Notizen, aber das wird sicherlich auch irgendwann kommen. Auch kann man noch nicht aus Textmarkierungen in Vorschau Text für Sofortnotizen extrahieren mit einer Referenz, man kann den Text lediglich kopieren, was natürlich auch schon sehr gut ist.

Trotz aller Kritik, Apples Notizen mit all den Verknüpfungen zu anderer Software auf MacOS X kommt dem Memex schon sehr nah. Es wird immer mehr zur Frage, ob man als Anwender versteht, wie man all diese Funktionen zum eigenen Nutzer verwenden kann und wie man die Symbiose der eigenen Abläufe mit einer solchen Software hinbekommt. Apple macht aber definitiv notion.so Konkurrenz, allein schon wegen der Team-Funktionen, die nun auch hier vorhanden sind. Wie bei Apple Erinnerungen bekommt man aber auch hier immer weniger Gründe, sich noch ein Abo für eine andere Software zu leisten, die im Zweifel auch noch schlechter in die anderen Apple-Dienste integriert ist.

Der Tool-Wahn: Produktiver arbeiten mit Bordmitteln


 

Als Student hatte ich mal den Laptop meines Professors in der Hand, weil ich etwas konfigurieren sollte. Das war ungefähr 1998, und er hatte ein cooles Wallstreet-PowerBook von Apple. Ich war schockiert, was er installiert hatte. Nämlich so gut wie nichts. Lediglich das, was mit dem Betriebssystem installiert war, und das war nicht viel. Alle seine Texte schrieb er mit dem TextEdit, dem MacOS Editor. Kein WordPerfect (was damals noch populär war), kein Microsoft Word, nix. Damals hatte ich das nicht verstanden. Wie konnte er nicht weitere Programme installieren, die seine Arbeit erleichtern würden? Heute ist dieser Prof mein Vorbild, zumindest was sein simple Herangehensweise an seinen Computer betrifft.

Seitdem habe ich unzählige Tools gesehen, die helfen sollten, produktiver zu werden oder sich selbst und das eigene Wissen zu organisieren. Einige davon habe ich ausprobiert oder sogar länger genutzt. Kaum eines davon hat sich über längere Zeit bewährt, sei es, weil die Entwickler aufgrund nachlassender Nachfrage aufgegeben hatten wie bei Life Balance, sei es, weil eine Applikation von neueren Technologien überholt wurde wie Apples HyperCard durch das World Wide Web oder weil der Käufer eines Startup-Produkts wie Wunderlist lieber sein eigenes Produkt Microsoft „To Do“ ersetzen wollte und die gekaufte Software einfach dicht machte. In den 2000er Jahren waren die Tools der Omni Group, OmniFocus, OmniOutliner etc. sowie Evernote der heiße Scheiß, heute ist es Notion und dergleichen.

Je mehr Tools ich gesehen habe, desto weniger glaube ich an sie. Beziehungsweise, ich glaube nicht mehr daran, dass es eine App für alles gibt oder es eine App für alles geben sollte. Kompetenz ist wichtiger ist als ein Tool. Ein Tool kann Inkompetenz nicht kompensieren. Es ist fast egal, welches Tool man nutzt, wenn man weiß, was man tut. Umgekehrt funktioniert das nicht. A fool with a tool is still a fool.

So wie man beim Digitalen Minimalismus hinterfragen sollte, welchen Mehrwert eine neue App bringen soll, kann man auch einfach die Frage stellen, ob ein bereits mit dem Betriebssystem installiertes Programm den Job nicht auch erledigen kann. So ist Apples Erinnerungen mittlerweile ganz passabel und synchronisiert sich wie Apple Notizen auch auf allen Devices. Ich habe keine Ahnung von Microsoft Windows, vielleicht funktioniert das da alles genau so gut. Das Google-Universum bietet ebenso eine Geräte-übergreifende Experience mit allen möglichen Tools. Natürlich kann und sollte man sich auch fragen, ob es sinnvoll ist, seine Daten irgendeiner Firma zu überlassen. Wer es ganz kompliziert will, findet auf Linux-Systemen auch jede Menge Bordmittel.

Der Ansatz, so gut wie nur mit Bordmitteln zu arbeiten, hat viele Vorteile. Kein FOMO. Einfach alles ignorieren, was einem als der neueste Produktivitätsgewinn verkauft wird. Kein Zumüllen der Festplatte mehr. Anstatt produktiv zu prokrastinieren, indem man Tools sucht und lernt, um die anstehende Arbeit schneller bewältigen zu können, einfach die Arbeit erledigen, die ansteht. Die paar Software-Tools, die ich nun zusätzlich habe, kann ich an zwei Händen abzählen, z.B. R, RStudio, TexShop, Ableton Live… und Letzteres hätte ich vielleicht auch mit GarageBand erledigen können. Mein Dock ist unverändert seit der Erstinstallation des Rechners.

Im nächsten Schritt geht es um die Organisation der eigenen Dateien. Dazu zu einem späteren Zeitpunkt mehr.

Warum Druck auf “die Technik” immer das Gegenteil bewirkt


Ich bin jetzt seit über 20 Jahren im IT-Bereich, davon einige Zeit als Entwickler, und wenn ich ein immer wiederkehrendes Muster sehe, dann, dass diejenigen, die versuchen unnötigen Druck auf Entwickler oder Techniker auszuüben, fast immer das Gegenteil erreichen. Das verstehen sie meistens nicht, weil sie sich im Recht sehen. Aber es ist eigentlich ganz einfach zu verstehen.

In diesem Artikel werde ich mich eines Instruments bedienen, dessen Urheber ich nicht kenne, und ich wäre superdankbar, wenn das jemand aufklären könnte. Irgendwann vor 20 Jahren brachte mir das mal ein IBMler oder so bei, und ich finde es immer noch beeindruckend.

Das Instrument funktioniert so: In der Grafik ist ein Projektgegenstand als Quadrat aufgezeichnet mit 4 Dimensionen, Qualität, Quantität, Geld und Zeit. Und in der Mitte ist die Produktivität des Teams, P. Wenn ich etwas ändern möchte, zum Beispiel den Liefergegenstand in weniger Zeit erhalten, dann muss ich die Fläche von P anders verteilen, denn die Fläche von P bleibt immer gleich. Ich kann also P auf der Achse der Zeit nach unten schieben (daher das Minus für weniger) und muss dann aussuchen, wie viel ich von den anderen Parametern Qualität, Quantität und Geld ich modifizieren möchte, damit die Fläche von P gleich bleiben kann. Ich kann zum Beispiel sagen, ok, dann gehe ich bei der Quantität runter (Richtung -), oder bei Quantität runter und bei Geld hoch, wie auch immer. Aber ich muss halt irgendwo was ändern, um die Änderung eines Parameters ändern zu können. Das ist ganz gut zu sehen in dem zweiten Bild.

Denn hier wurde das genau durchgeführt: Weniger Zeit, dafür aber auch weniger Quantität. Vollkommen logisch, oder?

Nun ist es aber so, dass manche denken, sie könnten P vergrößern, indem sie Druck ausüben. Das ist manchmal auch so. P kann temporär vergrößert werden. Und wenn wir ehrlich sind, wenn man das nicht akzeptiert, dann ist man in dieser Branche falsch. Gehört dazu. Weil man zum Beispiel weiß, dass von einem Launch-Datum sehr viel abhängt. Weil man selber viel investiert hat an Herzblut und sein Baby zum Laufen bekommen möchte. Er muss also gar nicht immer von außen kommen, der Druck. Denn wenn ein Entwickler die Notwendigkeit sieht, dann wird sie oder er immer alles dafür tun, dass es funktioniert. Ist so eine Art Ehrencodex. Ich kann schlecht damit leben, wenn ich nicht richtig abgeliefert habe, obwohl ich es versprochen habe. Und mir sind dann auch die Nachtschichten egal.

Allerdings kann P nicht ewig vergrößert werden. Irgendwann ist der Ofen aus. Man kann nicht mehr. Oder man sieht nicht mehr ein, warum immer so schlecht geplant wird. Oder, noch schlimmer, man sieht nicht, warum überhaupt P vergrößert werden muss, wenn Gründe angeführt werden, die am Ende des Tages nicht wirklich sinnvoll oder sogar übertrieben sind. Ich habe während der Dotcom-Zeit mal zufällig mitbekommen, dass eine Produktmanagerin sagte, dass der Druck auf mein Team immer hoch bleiben müsse. Das war nicht für meine Ohren bestimmt. Aber sie hatte auch nicht eingesehen, warum das nicht gesund ist. Irgendwann gehen die Leute. Und dann gehen meistens die Besseren. Die, die nicht gut sind und auch nicht bereit sind, die Extra-Meile zu gehen, die bleiben. Und die, die bereit sind zu investieren, weil sie ihren Job verdammt gerne machen, die gehen. Weil sie es nicht einsehen. Ständiger Druck bringt also nichts, ganz im Gegenteil. Kurzfristig vielleicht, aber man zahlt zigfach drauf, weil die Besten gehen. Und dann ist P noch kleiner. Und es dauert lange, bis ein neuer Kollege so eingearbeitet ist, dass P wieder auf dem alten Stand ist.

Schlimmer noch, man macht sich sich als Druckgeber auch noch unglaubwürdig. Vor allem wenn es dann heißt “Wir müssen doch zusammenhalten im Team.” Das ist so wie “Mensch, ja, Du trägst mich zwar auf Deinen Schultern, aber wir müssen zusammenhalten, also geh doch noch mal weiter.” Manchmal meinen diese Menschen es auch gar nicht so. Sie haben selber Deadlines und sie geben den Druck auch noch weiter. Ok. Aber wenn ein Team eh schon sehr viel zu tun hat und dann noch jemand kommt, dann darf man sich auch nicht wundern, dass P eben nicht größer geht, wenn es eh schon freiwillig (!) vom Team vergrößert wurde. Und dann wird das eben irgendwann nicht mehr getan.

Hinzu kommt, dass jede Eskalation nur noch mehr Zeit kostet. Jede E-Mail, wann etwas fertig wird, jedes Meeting, nichts führt dazu, dass der Tag mehr Stunden hätte. Im Gegenteil. Man klaut den Menschen, die die Arbeit tun müssen, einfach nur noch Zeit, die sie eigentlich bräuchten, um ihre Aufgaben zu erfüllen. Jedes “Ich brauche das aber unbedingt heute noch” bedeutet eben nicht, dass der Tag dadurch mehr Zeit hätte oder andere Deadlines aufgegeben werden können. Das müsste eigentlich auch dem Druckgeber klar sein. Aber so wird es eben gerne gespielt. Mit dem gegenteiligen Effekt.

Wie kann man das lösen? Ich zeichne zum Beispiel immer gerne dieses Quadrat auf. Und erkläre, dass P nur temporär vergrößert werden kann, wenn ich glaubhaft machen kann, warum. Manche Entwickler erhöhen P intrinsisch. Aber eben auch nicht ewig. Und ich werde mich immer vor mein Team stellen, wenn P eben nicht weiter sinnvoll erhöht werden kann und der Druckgeber auch noch unfair spielt. Die Erfahrung zeigt auch, je weiter der Druckgeber verständnistechnisch von dem entfernt ist, was die Entwickler tun, desto größer der unnötige Druck. Erfahrungen aus 20 Jahren. Trotz aller neuen Methoden, Prozesse… nichts hat die Gültigkeit von diesem Quadrat verändern können. Take it or leave it.

Search Inside Yourself


 

Ich hatte Anfang des Monats die Möglichkeit, das Seminar Search Inside Yourself zu besuchen. Initiiert wurde es von Meng, einem Softare-Entwickler bei Google, und mittlerweile kann das Seminar auch außerhalb von Google besucht werden. Viele Seminarteilnehmer berichten, dass es ihr Leben verändert hätte, und manche haben nach dem Seminar ganz neue Wege eingeschlagen. Wenn ich so etwas lese, dann werde ich zunächst einmal skeptisch, denn das klingt für mich sehr esoterisch und alles andere als anziehend. Es gibt aber auch wissenschaftliche Indizien dafür, dass Meditation und Achtsamkeitsübungen einen positiven Einfluss auf das Gehirn haben, insbesondere auf die Konzentrationsfähigkeit. Ein Versuch ist es wert, dachte ich mir.

Anders als die Kollegen in Mountain View habe ich das Seminar mehrere Tage hintereinander gehabt und nicht einzelne Tage über mehrere Wochen. Es waren zweieinhalb sehr intensive Tage. Ich werde nicht alles aus dem Training erzählen, es gibt auch ein sehr gutes Buch dazu, welches in jeder Hinsicht besser ist als das, was ich hier schreiben kann (das bereits 2012 gekaufte Buch hatte mich übrigens dazu bewegt, das Seminar zu belegen). Es gibt aber auch ein paar Unterschiede zum Buch, der wichtigste ist sicherlich der, dass man während des Seminars nicht anders kann als die Übungen durchzuführen.

Eine Meditations-Übung ist mir besonders in Erinnerung geblieben, die mit dem Konzept “Kindness” (am ehesten mit Liebenswürdigkeit oder Nächstenliebe zu übersetzen) zu tun hat. Man sitzt einem anderen Teilnehmer gegenüber, in meinem Fall war es eine junge Kollegin, mit der ich vorher nie gesprochen hatte. Wir sollten uns das Gesicht des anderen einprägen und dann die Augen schließen. Und dann kamen Sätze wie:

  • Dein Gegenüber hat einen Körper und einen Geist/Seele (mind), so wie Du.
  • Dein Gegenüber hat Gefühle und Gedanken, so wie Du.
  • Dein Gegenüber hat in seinem Leben Traurigkeit gespürt, Enttäuschung, Verletzungen und Verwirrungen, so wie Du.
  • Dein Gegenüber wünscht sich frei von Angst, Schmerz und Leiden zu sein, so wie Du.
  • Dein Gegenüber wünscht sich gesund, geliebt und glücklich zu sein, so wie Du.
  • Nun wollen wir uns etwas wünschen für Dein Gegenüber:
  • Ich wünsche meinem Gegenüber die Kraft, die Ressourcen und den emotionalen Support, durch die Schwierigkeiten im Leben zu navigieren.
  • Ich wünsche meinem Gegenüber frei zu sein von Schmerz und Leiden.
  • Ich wünsche meinem Gegenüber glücklich zu sein.
  • Denn mein Gegenüber ist ein menschliches Wesen, so wie ich.

Dann öffneten wir unsere Augen. Ich kann das Gefühl kaum beschreiben, das ich in dem Moment hatte.

Hier ist Mengs Vortrag bei den Vereinten Nationen, man kann deutsche Untertitel dazu schalten:

Und hier ein paar weitere Links:

Interviews für Abschlussarbeiten


 

Lieber Student,

wenn Sie diesen Text lesen, dann wahrscheinlich, weil ich Ihnen den Link dazu geschickt habe. Sie haben mich nach einem Interview o.ä. für eine Abschlussarbeit gefragt. Sowas habe ich in der Vergangenheit oft gemacht, jetzt aber nicht mehr. Der Grund: Man investiert viel Zeit, kriegt meistens nicht mal ein “Danke” zurück, und die versprochene Arbeit gibt’s dann auch nicht. Traurige Höhepunkte waren zum Beispiel Anfragen via XING, wo ich keine Antwort schicken konnte, weil der Student keine Nachrichten von Fremden erhalten wollte, oder Anfragen zu Themen, für die ich sicherlich kein Experte bin, aber da ich ja schon mal ein Buch geschrieben habe, würde das schon irgendwie passen. Keine Ahnung außerdem, wie man auf den Gedanken kommen kann, dass man mehrmals die Woche mindestens 90 Minuten Zeit für ein Telefoninterview hätte. „Interviews für Abschlussarbeiten“ weiterlesen