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Tom Alby

Das PC69 in Bielefeld: Geschichte und Fotos

2011-10-07


Disclaimer: Wer hier irgendwelche Rechte an Bildern etc. verletzt sieht, möge sich bitte bei mir melden, ich nehme es runter, wenn die Verletzung wirklich eine sein sollte. Ich habe noch jede Menge anderer Bilder vom PC, Mitarbeitern und Gästen, bin mir aber auch darüber im Klaren, dass sich nicht jeder im Netz sehen möchte, vor allem nicht dann, wenn es sich um Bilder im Fraggle-Look handelt 🙂

Der Anfang

Das PC 69 öffnete am 8.9.1984 das erste Mal seine Tore. Fast 20 Jahre hielt sich das PC, und es ist nicht auszuschliessen, dass die Eröffnungsgäste eine Generation später ihre Kinder aus dem PC abgeholt haben.

Auch über die Grenzen Bielefelds und Ostwestfalens hinaus war das PC bekannt, traten hier Bands auf, die neben Bielefeld nur noch zwei oder drei andere Stationen in Deutschland beehrten. Viele Bands kamen gerne wieder, da sie sich sehr gut betreut fühlten von den Leuten des PC-Konzertbüros. Es wurden auch Bands gebucht, die kaum jemand kannte, einfach nur weil die Veranstalter sie gut fanden. So konnte ich Rammstein und auch Hubert von Goisern & die Alpinkatzen vor einer Handvoll Leuten sehen. Ein Jahr später spielten sie am gleichen Ort vor ausverkauftem Haus. Eine fast vollständige Liste der Künstler, die im PC aufgetreten waren, ist weiter unten zu finden. Viele Bands sind mehrmals aufgetreten, zum Beispiel die Dubliners, Die Ärzte, die Toten Hosen oder auch Pur.

Der Grufti-Freitag wurde von Gästen besucht, die zum Teil mehrere Stunden Fahrzeit in Kauf nahmen (so besuchten sich Fraggles aus Bochum und aus Bielefeld gegenseitig).

Das PC war also mehr als nur eine Dorfdisco. Gab es zuvor “nur” die für klassische Konzerte verwendete Oetkerhalle, so dass die großen Bands stets einen Bogen um Bielefeld machten, gab es mit dem PC 69 endlich eine Halle, die für richtige Rock-Konzerte mit 1.500 Besuchern geeignet war. Discotheken gab es auch andere, zum Beispiel den Circus und das Sams (das es immer noch gibt… da hatte ich in den 90ern auch mal gearbeitet und zwar mit Jochen Chudzik, dem früheren Zapfer und späteren Geschäftsführer der legendären Badewanne, für die ich aber zu jung bin um sie noch besucht zu haben; Jochen ist leider schon verstorben), aber die hatten eine andere Klientel. Der Name PC69 hatte übrigens angeblich keine besondere Bedeutung, auch wenn es hierum immer wieder Gerüchte gab. Einer der Gründer erwähnte mir gegenüber, dass die Popularität der Personal Computer jedoch einen Einfluss gehabt habe.

600.000 Mark kosteten angeblich die Umbauten von der Werkshalle von Wehmayer & Castrup in eine Discothek, 100.000 Mark wurden allein in die Lärm- und Brandschutzvorrichtungen investiert. Die Innenarchitektur wurde von Albert Krewerth gestaltet, Vorbild war die Fabrik in Hamburg, die es heute noch gibt. Kurz nach der Eröffnung gab es schon Stress wegen der parkenden Autos, die angeblich die Feuerwehr behinderten. Kommunalpolitiker regten sich darüber auf, dass eine Discothek mit so wenig Parkplätzen eröffnete (und bauten Jahre später gegenüber die Seidenstickerhalle, die noch viel mehr Leute fasste, aber auch nicht mehr Parkplätze bieten konnte).

Zu Beginn hatte das PC 69 sogar tagsüber geöffnet. Besonders gut lief der Betrieb tagsüber aber nicht, so dass bald nur noch abends geöffnet wurde. Das Konzertbüro übernahm Gerd Reiche, der später einen anderen Kult-Laden in Bielefeld eröffnete, das Elfenbein (welches angeblich auch nicht mehr in Bielefeld existiert). Gleich zu Beginn waren große Bands zu Besuch, der gerade erst richtig berühmt gewordene Herbert Grönemeyer und kurz danach Icehouse, die zu dem Zeitpunkt in den Charts waren.

Der Kult

In den 80ern und bis Mitte der 90er war das PC 69 am Wochenende so voll, dass ab 24 Uhr, manchmal sogar schon früher, lange draußen gewartet werden musste, bis man herein kam, denn wenn die Halle zu voll war, dann kam nur noch jemand rein, wenn jemand anders rausging. Auch Mittwochs war es meistens voll, wenngleich nicht so lange.

Das PC zog auch, mit Verlaub, Randgruppen an: Waver (Fraggles, Grufties), Ska-Fans, Rockabilies, Psychos, etc. Alle waren am Samstag anzutreffen, und nicht selten gab es eine Schlägerei draussen vor der Tür und manchmal auch drinnen. Unvergessen der Samstag, als die Waver einen Sitzstreik auf der Tanzfläche veranstalteten, um gegen die Musik zu protestieren und aufgrund dessen dann den folgenden Samstag nicht rein durften.

Der Mittwoch war die “kleine” Version des Samstags, schließlich konnte man in der Woche nicht so lange wegbleiben, und die Musik war etwas tanzbarer. Mittwochs waren außerdem britische Soldaten häufige Gäste, und schnell lernte man (bis auf die britischen Soldaten), dass die MPs (Military Police) erst zuschlug und dann fragte, was eigentlich los sei. Das PC-Personal hatte angeblich eine spezielle Nummer, um die MPs zu rufen. Mit Abzug der Truppen wurde der Mittwoch schlagartig leerer.

Kult war auch der Freitag mit DJ Hannes, der gerne auch mal ganze Plattenseiten spielte, wenn er Lust drauf hatte oder (angeblich) einfach ein Tape einlegte, wenn er keine Lust mehr hatte und nach Hause ging. Angeblich war er Tourbegleiter von Nick Cave, seine erste Single aber, so gab er in einem Interview mal zu, war “California Dreaming” von den Mamas und Papas. Legendär auch seine scheinbare Arroganz: Ich erinnere mich noch, als ich einmal den Namen einer Band wissen wollte, deren Platte er gerade spielte, und er lediglich sagte “Kenn ich auch nicht” (das Lied war Decades von Joy Division; eigentlich hatte ich die Antwort so auch verdient). Später wurde er von DJ Achim vertreten, denn DJ Hannes hatte sich für eine Zeit zurückgezogen. Jahre später traf ich ihn in der Wunderbar, wo wir zusammen frühstückten, ich ihm die Geschichte erzählte und er in Lachen ausbrach. Ich habe ihn wahnsinnig gern gemocht. Hannes Wagner ist am 31. Januar 2011 gestorben.

Der Samstag hatte dann für jeden etwas zu bieten. Wave, Grunge, Pop, Independent, Ska, alles dabei. Bei manchen DJs wusste ich schon fast auswendig, welches Lied nach welchem kam. Meine PC69-Playlist findest Du hier auf Spotify

Es war (glaube ich) 1994, als eine Empore in das PC 69 gebaut wurde, so dass mehr Gäste in die Halle kommen konnten. Viel Geld wurde zur gleichen Zeit in die Lichtanlage gesteckt. Die Einweihung der Empore sowie der sonstigen Umbauten (das PC war bunter geworden) erfolgte (soweit ich mich erinnern kann) an einem Samstag zur 10-Jahresfeier. Ich erinnere mich noch, dass wir Freitag Abends normalen Betrieb hatten und dann danach um 5 Uhr morgens Gerüste aufgebaut hatten, um die Lichtanlage umzubauen.

Mitte der 90er wurden es immer weniger Besucher, der Mittwoch wurde eine traurige Veranstaltung, ein kurzer Versuch, den Donnerstag zu besetzen mit einem Rocker-Tag hatte auch keine Chance, und schliesslich wurde es auch noch Samstags leer, was nur noch durch Motto-Partys verhindert werden konnte. Zwischendurch wurde ein Stammgast beauftragt, die Haupttheke in der Halle neu zu gestalten, was zu einigen Irritation führte, denn nicht jeder mochte den Aliens-Stil.

Die Konkurrenz war größer geworden in Bielefeld, nicht weit vom PC hatte die Hechelei eröffnet, das Cafe Europa/Orfeu Negro konnte mit Techno-Musik Besucher anziehen, und das PC verlor immer mehr Gäste. Zeitgleich wurde das Eintrittsgeld angepasst. Statt 6 DM Eintritt, für die man 2 Getränke-Bons gab (die für 2 Biere ausreichten), kostete der Eintritt nun 8 DM und es gab einen Bon für einen komischen, selbst zusammen gewürfelten Drink. Nach üblen Protesten gab es dann auch ein Bier dafür, wobei das Bier im PC 69 nie besonders gemocht wurde, zumindest nicht das aus dem Zapfhahn. Als ich selber noch Gast war im PC hatte ich immer vermutet, dass jemand Wasser ins DAB-Bier pantscht, und es war das erste, was ich mir anschaute, als ich im PC anfing… aber da war nix, das Bier kam tatsächlich so aus dem Fässern. Die Parties (Neue Deutsche Welle etc) waren noch sehr erfolgreich, während das normale Geschäft immer mehr abnahm. Und wenn immer weniger Leute da sind, dann kommen eben noch weniger Leute.

Hinter den Kulissen des PC69 war die Welt nicht immer so bunt und erst recht nicht harmonisch, auch nicht, als es noch erfolgreich war, doch nur weniges gelang in die Öffentlichkeit. Ich hatte nur einen Gerichtstermin mitgemacht, und da ging es um etwas anderes. Und mehr soll auch hier nicht erzählt werden.

Das Ende

Am 24. Oktober 2003 fand die letzte Party im PC69 statt. Schon in den 80er und 90er Jahren zuvor gab es Gerüchte, dass Wehmeier & Castrup die Halle irgendwann zurück haben wolle, was Quatsch war, aber aufgrund mangelnder Alternativen waren die Gerüchte besorgniserregend. Viele Jahre später war es dann soweit. Ein Teil der Mannschaft eröffnete den Ringlokschuppen, ein anderer Teil angeblich das Triebwerk (Quelle fehlt hier).

Mittlerweile ist die Halle, in der das PC69 war, abgerissen (das war im Spätsommer 2005, wie mir mehrere Besucher mitgeteilt haben) und ein Parkplatz. Von den alten Läden hat soweit ich weiß nur noch das Glashaus ab und zu für Konzerte geöffnet (das war neben dem Falkendom Donnerstags oft die Ausgehdestination, die Fotos auf der verlinkten Seite sind auch eine echte Zeitreise), und natürlich das Forum, obwohl ich dort seit dem Umzug aus Enger nur einmal auf einem Konzert war (Go-Betweens, Gott hab sie selig), nicht mehr auf einem Sonntag.

Über mich

Von 1990 bis 1997 war ich Kellner im PC69, einige Monate war ich zunächst Spüler (so hießen die Kollegen, die die Gläser eingesammelt und gespült hatten, ein Knochenjob, wenn es richtig voll war). Das Besondere an uns Kellnern war, dass wir eine Schaffnerkasse hatten, so dass wir unser Tablet nicht runternehmen mussten. Angeblich kostete so eine Kasse 700 DM, und da natürlich ständig Bier und Cola auf so eine Kasse kam, waren die Hebel oft verklebt. An guten Abenden hatte ich locker 1000 DM eingenommen, auch 2000 DM waren drin. Ein volles Tablett waren 60 DM (15 Getränke à 4 DM). Zwischendurch musste ich ins Büro, um Geld abzugeben. Die Kellner waren genau so wie die Barleute umsatzbeteiligt. Anfang der 90er bin ich oft mit 180 oder sogar 200 DM an einem Samstag Abend nach Hause gegangen, und das war unglaublich viel Geld. Dafür bin ich auch den ganzen Abend mit einem Tablett über meinem Kopf rumgelaufen. In 7 Jahren habe ich nur 1 Mal ein Tablett verloren (bei einem Heavy Metal-Konzert).

Außerdem hatte ich die ersten Internetseiten gestaltet und gehostet: Das PC69 war 1995 eine der ersten Discotheken im Netz (mit den späteren Domain-Streitigkeiten hatte ich nichts zu tun).

Nach einem Geschäftsführerwechsels tauchte mein Name irgendwann nicht mehr auf den Dienstplänen auf. Zuerst fühlte ich mich verletzt, aber gleich bei meinem ersten Kellner-Job außerhalb des PCs ergab sich ein Zufall, durch den das Internet das erste Mal zu einem richtigen Job für mich wurde. Im Nachhinein das Beste, was mir passieren konnte.

Wenige Monate vor dem Aus war ich ein letztes Mal für 30 Minuten dort, sprach mit den wenigen Leuten, die ich noch kannte, und habe mich leise verabschiedet. Kurz darauf  in ich nach Hamburg gezogen.

Künstler, die im PC69 aufgetreten sind

Wahrscheinlich ist diese Liste nicht vollständig :-/ Schickt mir gerne Namen von Bands, die hier noch fehlen!