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Tom Alby

Lebensbetriebssysteme

2019-12-29


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Apple ist kein Computer-Hersteller mehr, Google keine Suchmaschine, und Amazon nicht nur ein Online-Einkaufszentrum. Diese Firmen verbindet, dass sie von ihrem jeweiligen Startpunkt aus weitere Bereiche des Lebens erobern. Die Auswirkungen sind schon jetzt vorhersehbar.

Google bietet über die Suchmaschine hinaus E-Mail, ein Mobiltelefon-Betriebsystem und Mobiltelefone, einen mit Sprache bedienbaren Assistenten, ein Computerbetriebssystem, einen Browser, selbstfahrende Autos, einen Fotodienst und weitere Dienste in der Cloud, Musik, Filme, Heimüberwachungssysteme (Nest), YouTube und vieles mehr. Apple bietet Mobiltelefone, Computer, iPads, Software, einen Musikservice, eine SmartWatch, Kopfhörer, einen mit Sprache bedienbaren Assistenten, einen TV-Dienst und eine Cloud-Lösung und vieles mehr. Amazon bietet neben anderen Produkten die Belieferung von Lebensmitteln, eigene Produkte, einen mit Sprache bedienbaren Assistenten, Videokonferenz-Hardware, einen Musik-Service, einen Film-Service und ist außerdem der größte Cloud-Anbieter. Und vieles mehr.

Auf den ersten Blick mögen die Dienste jeweils ein buntes Potpourri darstellen, aber schaut man einmal genauer hin, so basteln die drei großen Digital-Schwergewichte (Facebook aus dem GAFA-Akronym einmal ausgenommen) Lebensbetriebssysteme. Unser Leben wird immer stärker von digitalen Systemen unterstützt werden, und Apple, Amazon und Google arbeiten daran, möglichst viel von diesem Systemen zur Verfügung zu stellen. Ein System, das das digitale Leben schlüssig und kohärent verknüpft, könnte man ein Lebensbetriebssystem nennen.

Das wird vor allem deutlich, wenn man von einem System auf das andere wechseln will oder mit einem anderen System Daten austauschen muss. Das ist zum Teil jetzt schon schwer. Android-Handy und MacBook? Macht keinen Spaß. Von einem Android auf ein Apple-Handy umsteigen? Zunächst kein Problem, es gibt einen Assistenten. Aber der Kalender? Und die Kontakte? Wie bekomme ich die Fotos nun in die elegante Foto-App von Apple? Richtig effizient ist es erst, wenn alle digitalen Aktivitäten mit Apple-Produkten gestaltet werden. Fotos synchronisieren sich über mehrere Geräte hinweg, Dateien ebenso, egal wie viel Speicherplatz man auf dem jeweiligen Gerät hat.

Bei Google lernt der Assistent hinzu. Je mehr von den Google-Produkten genutzt wird, desto bessere Vorschläge werden erstellt. Stau auf dem Weg zur Arbeit? Kein Problem, das Android-Handy warnt seinen Benutzer auf Basis historischer Daten und der gegenwärtigen Verkehrslage. Auch hier wird über mehrere Geräte hinweg synchronisiert.

Amazon scheint noch abgeschlagen zu sein. Aber die Strategie, Hardware vergünstigt abzugeben wie in dem Fall der Tablets, hilft dabei, Kunden an das Amazon-Universum zu binden.

Und so könnte sich bald eine neue Klassengesellschaft, die sich auf die Verwendung des jeweiligen Lebensbetriebssystems ergeben:

Richtig spannend wird es aber erst werden, wenn die KI-basierten Assistenten wirklich gut sind. Wenn sie dann alle Informationen, die sie über einen Nutzer über mehrere verschiedene Services sammeln, verwenden können, dann wäre eine richtige Unterstützung wie in “Her” erst möglich. Und dann wird es noch schwerer werden, von einem System auf das nächste zu wechseln.

Vielleicht werden sich die Internet-Giganten aber auch öffnen und gegenseitig Schnittstellen bereitstellen. So könnte Siri aus Google Mails lernen und Alexa aus der YouTube-Playlist. Sehr wahrscheinlich klingt das aber nicht. Stattdessen sieht es eher so aus, dass wir in den jeweiligen Systemen gefangen sein werden, weil ein Wechsel zu viele Nachteile mit sich bringen würde.

Das hat auch ganz praktische Auswirkungen: Was wenn eine Apple-Frau mit einem Amazon-Typen zusammenziehen will? Sie kann seine Hardware nicht steuern und umgekehrt. Oder wird dann nicht mehr zwischen den Klassen gedatet?