Das Konzept der Digital Natives auf dem Prüfstand

Es war angeblich Marc Prensky, der den Begriff der Digital Natives prägte, eine Umschreibung für die nach 1980 geborene Generation, die mit Computern, Mobiltelefonen und dem Internet aufgewachsen ist. Dem gegenüber sollen die Digital Immigrants stehen, also diejenigen, die nicht in dem digitalen Land geboren wurden, sondern erst später einwanderten, weil ihre Geburt stattfand, als das digitale Land noch gar nicht existierte.

Zunächst einmal ist es unstrittig, dass allein die Nutzung des Computers Menschen verändern kann, von der Nutzung des Internets ganz zu schweigen (siehe zum Beispiel Sherry Turkles Arbeiten “Die Wunschmaschine” von 1984 sowie “Identität in Zeiten des Internet” von 1998). Und wie Walter J. Ong 1982 in “Oralität und Literalität” schrieb, so ist das geschriebene Wort eine Technologie, die zu seiner Einführung den gleichen Vorwürfen ausgesetzt war wie in den 70er und 80er Jahren der Computer: Das Denken wird externalisiert, zugleich formiert es das Denken neu. Auch das Internet formiert das Denken der Menschen neu. So wie wir uns das Wort “nichtsdestoweniger” nicht vorstellen können, ohne ein Buchstabengefüge vor Augen zu haben (gäbe es das Wort überhaupt in einer oralen Sprache?), so können wir die Zeit nicht mehr zurückdrehen und uns ein Leben ohne Suchmaschine, E-Mail, Video-Chat und kostenlose Software vorstellen.

So ist es sicherlich auch richtig, dass diejenigen, die mit dem Computer und der Nutzung des Internets aufgewachsen sind, einen anderen Umgang mit diesen Technologien haben als andere, die eine lange Zeit mit den Werkzeugen der pre-Computerzeit gearbeitet haben und nun mit der digitalen Vernetzung konfrontiert werden.

Doch schauen wir einmal zurück in das Zeitalter, in dem die Schrift erfunden wurde. Nicht jeder konnte lesen und schreiben. Die, die es erlernten, hatten die Chance, ihr Denken dadurch neu zu strukturieren. Aber niemand wurde mit Schriftfähigkeit geboren.

Anders ist es nicht heute. Niemand wird mit Computer- und Internetfähigkeiten geboren. Jeder muss sie sich aneignen. Manche können das gleich in ihrer Kindheit tun, andere wurden geboren, bevor ein Computer erschwinglich wurde, und müssen es später tun. Niemand wurde digital geboren, und somit ist jeder ein Digital Immigrant. Der einzige Vorteil, den die mit Computer aufgewachsenen haben, ist, dass sie nicht das Wissen der Welt haben, die sich vor dem Internet auch schon drehte. Die Frage ist, ob das wirklich ein Vorteil ist, denn wer niemals woanders stand, kann nicht beurteilen, wo er heute steht. Nicht zuletzt waren es die so genannten Digital Immigrants, die dieses angebliche Land der Digitalität geschaffen haben.

Schlimmer noch, nicht jeder kann in dem digitalen Zeitalter damit rechnen, dass sich die digitale Welt für ihn oder sie öffnen wird. Laut heise.de haben 69% der Haushalte heute einen Internetanschluss, es ist nicht garantiert, dass der Rest auf andere Wege das Internet nutzen kann. Wir leben nicht in einem digitalen Land, und so kann nicht jeder nach 1980 Geborene behaupten, die Digitalität mit Löffeln gefressen zu haben. Und selbst wenn jeder einen Computer mit Internetzugang besäße, so bedeutet das nicht, dass alle diese Werkzeuge in der gleichen Art und Weise benutzen. Der Spruch “Fernsehen macht die Klugen klüger und die Dummen dümmer” soll von Marcel Reich-Ranicki stammen, und er gilt auch für das Internet.

Das Konzept der Digital Natives bedingt ein Schwarz oder Weiß, entweder Digital Native oder Digital Immigrant. Dieser Ansatz ist zu vereinfachend. Es gibt tatsächlich nach 1980 Geborene, die sich ein Leben ohne die Werkzeuge des Computers und des Internets nicht mehr vorstellen können, ganz egal, ob sie diese in einer produktiven Art und Weise nutzen oder nicht. Aber es gibt auch vor 1980 Geborene, vor 1970 Geborene, vor 1960 Geborene, die sich ebenso ein Leben ohne die Digitalität nicht mehr vorstellen können. Und es gibt immer noch genug Menschen, die gar keinen Bezug zu dieser Welt haben und vielleicht auch nicht mehr bekommen werden. Nicht Schwarz oder Weiß, sondern viele Graustufen, von Weiß bis Schwarz.

Gehen wir noch einmal zurück in das Zeitalter der Erfindung der Schrift. Fast jeder in unserer westlichen Gesellschaft hat Zugang zur Schrift. Bedeutet das, dass jeder Schriftverständige (Nicht-Analphabet) auch Ansprüche stellt, dieses Verständnis als Grundlage einer Forderung anzusehen, dass sich die Welt ihm anpasst? Genau dies fordern die selbsternannten Digital Natives: Ihre Bedürfnisse sollen berücksichtigt werden, denn schließlich haben sie eine andere Kapazität als die Nicht-in-das-digitale-Zeitalter-Hineingeborenen zur Aufname von Informationen, so behaupten sie zumindest. Wir werden sehen, ob diese gehypte Mehrkapazität zur Verarbeitung von multitaskingaufgenommenen Informationen tatsächlich der Produktivität zum Vorteil gereichen. Ja, die intelligente Nutzung der Schrift konnte einen Vorteil bedeuten, und so wird es auch die intelligente Nutzung der Computer- und Internetwerkzeuge sein. Aber das gilt nicht für jeden, der Zugang dazu hat. Nicht jeder gründet ein neues Napster. Das Leben der Zukunft wird nicht von den Digital Natives bestimmt, sondern von “Machern”, die es in jeder Generation gegeben hat, die die Werkzeuge der Zeit zu nutzen verstehen. Und diese Werkzeuge gehen zurück auf eine Zeit, als die selbsternannten Digital Natives noch nicht einmal ein Gedanke im Universum waren, als Menschen eine Vision hatten, die heute für manche wahr geworden ist.

Das Konzept der Digital Natives ist eine vereinfachte Sicht der Dinge, das so gut wie keine Auswirkung haben wird.

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