Neue Version von Distill

Lange nichts gehört, dafür ist diesmal einiges drin. Der Kern: Zusammenfassungen haben endlich ein eigenes Zuhause, und der Werbeblocker tut zum ersten Mal wirklich etwas. Was Distill ist und was es kann, steht auf der Projektseite.

NEU

Zusammenfassung als eigene Sektion
Die KI-Zusammenfassung landet nicht mehr in euren Notizen, sondern in einer eigenen Sektion darüber. Bearbeitbar, per „In Notizen übernehmen“ trotzdem übertragbar, im Markdown-Export als eigener Abschnitt und über iCloud auf allen Geräten sichtbar. Auch ein iPhone ohne Apple Intelligence zeigt die Zusammenfassung an, die der Mac erstellt hat. Eure Notizen gehören damit wieder euch.

Ollama statt Apple Intelligence (Mac, für Fortgeschrittene)
Wer ein lokales Ollama laufen hat, wählt es in den Einstellungen unter „Zusammenfassung“ als Engine, inklusive Auswahl aus den installierten Modellen. Damit entfallen der Apple-Sicherheitsfilter, an dem seriöse Artikel gern hängen bleiben, und das kleine Kontextfenster. Alles bleibt lokal auf dem Mac. Kategorie-Vorschläge und Hashtags nutzen weiterhin Apple Intelligence.

Automatische Aufbereitung (Mac, standardmäßig aus)
Einstellungen, „Neue Artikel automatisch aufbereiten“: Der Mac holt für neue Einträge im Hintergrund den Volltext und schreibt gleich die Zusammenfassung dazu. In kleinen Schüben nach jedem RSS-Abruf, mit Pause im Stromsparmodus und bei warmem Gerät. Was ihr unterwegs vom iPhone teilt, bereitet der Mac ebenfalls auf, und die Zusammenfassung synct zurück.

Kategorien umbenennen
Der Stift neben einer Kategorie in den Einstellungen benennt sie um. Alle Einträge ziehen automatisch mit, auch die im Archiv und im Papierkorb. Bisher blieb nur löschen und neu anlegen, wobei die betroffenen Einträge ihre Zuordnung verloren.

BEHOBEN

Der Werbeblocker hat seit seiner Einführung nie funktioniert. Die Blockregeln standen in einem Format, das WebKit still verwirft, sichtbar nur in der Konsole. Peinlich, aber jetzt kompiliert die Liste nachweislich und Werbe- und Trackingnetze bleiben in der Original-Ansicht tatsächlich draußen. Seiten laden dadurch schneller und brauchen weniger Speicher.

„close notice“ und andere unsichtbare Textfetzen im extrahierten Text sind weg. Das war das Vorlese-Etikett eines Banners, das bei heise-Artikeln vorne im Text landete und von dort in Zusammenfassungen wanderte. Betroffene Einträge werden beim nächsten „Neu extrahieren“ sauber.

Verständliche Meldungen, wenn die KI nicht mitspielt. Bisher konnte da eine rohe Systemmeldung stehen. Jetzt steht dort, was los ist: Sicherheitsfilter, Text zu lang, Modelle noch nicht geladen. Gerade beim Sicherheitsfilter war das nötig, dessen Erkennung funktionierte auf deutschsprachigen Geräten vermutlich noch nie.

iPad im Hochformat: Auf dem 11-Zöller standen Artikel und Notizen nebeneinander, auch wenn der Platz nicht reichte. Knöpfe brachen um, Felder liefen bis an den Rand. Jetzt rutschen die Notizen unter den Artikel, der dafür die volle Breite bekommt. Große iPads und Querformat bleiben unverändert.

WORAUF IHR SCHAUEN KÖNNT

Fühlt sich die Zusammenfassung an der neuen Stelle richtig an, oder fehlt euch der alte Weg in die Notizen?
Falls ihr die automatische Aufbereitung einschaltet: Kommt der Mac hinterher, und stimmt die Qualität der Volltexte?
Lädt die Original-Ansicht spürbar schneller?

Der Zettelkasten als Knowledge Management-System und darüber hinaus

Es gibt ein paar Themen, die mich seit Jahrzehnten beschäftigen, darunter zum Beispiel, wie ich Informationen und Wissen sinnvoll ablegen und wieder abrufen kann, ein Memex halt. In den 90ern war ich ein Fan von Apples HyperCard, seitdem habe ich vieles ausprobiert, und irgendwie hat sich nichts bewährt. Datenformate sind verschwunden (wie das von Apples HyperCard), und auch wenn die technischen Möglichkeiten heute viel breiter sind als damals, habe ich nicht den Eindruck, dass sie das grundlegende Problem gelöst haben. Es gibt keinen Quick Fix, der zu lesende Artikel und Bücher für einen liest und auch noch verstehen lässt. Zusammenfassungs-Services wie Blinkist vertraue ich nicht, ganz abgesehen davon, dass sie mir bei wissenschaftlichen Artikeln auch nicht helfen.

In den letzten Monaten habe ich mich daher wieder einem System zugewandt, das ich auch schon mal in den 90ern genutzt, aber dann für HyperCard aufgegeben hatte: Den Zettelkasten. Nicht irgendeinen Kasten mit Karteikarten, sondern ein Zettelkasten nach dem Luhmann’schen Prinzip. Niklas Luhmann war einer der bedeutendsten Soziologen des 20. Jahrhunderts, der eine unglaubliche Anzahl an wissenschaftlichen Publikationen vorweisen konnte. Sein Zettelkasten, der eigentlich aus mehreren Zettelkästen besteht, enthält ca. 90.000 Zettel und wird an der Universität Bielefeld digitalisiert. Luhmanns Produktivität hat er seinem Zettelkasten-System zugeschrieben, und nach einigen Monaten mit diesem System kann ich das nachvollziehen. Wie funktioniert der Zettelkasten?

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Warum ich meinen Kindle Scribe zurückschicken werde

Ich hatte mich eigentlich sehr auf den bestellten Kindle Scribe gefreut, denn er schien zwei Probleme zu lösen, die ich in der Benutzung meines reMarkable habe:

  • Ich schreibe meine Notizen ungern an den Rand eines PDFs, sofern überhaupt genug Rand vorhanden ist, denn meine Arbeitsnotizen sind die Vorstufe der finalen Notizen, die in den Zettelkasten kommen. Einfach etwas anzustreichen ist wenig sinnvoll, das sagen auch einige Studien, ich muss meine eigenen Gedanken zu einem Text aufschreiben können, und das geht mit dem reMarkable 2 eben nicht.
  • Licht 🙂

Licht ist vorhanden, ansonsten ist der Kindle Scribe eine sehr enttäuschende Erfahrung für mich. Natürlich habe ich sowieso keine große Lust, Amazon Geld in den Rachen zu werfen oder meine Daten in deren Cloud zu haben, aber die Themen “Paper durcharbeiten” und “Lesen” sind für mich von enormer Relevanz, und da ich keine geheimen Sachen notiere… einen Tod muss man sterben. Vielleicht gibt es ja irgendwann mal eine Lösung, die ohne Cloud funktioniert. Aber wie gut ist der Scribe nun wirklich?

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Produktiver arbeiten mit dem Apple Stage Manager


 

Apples neue MacOS X Version, Ventura, sowie die neue iPadOS-Version 16, die in der 2. Hälfte 2022 auf den Markt kommen werden, bringt zahlreiche Neuerungen mit. Besonders das neue Multitasking-Werkzeug Stage Manager wurde ziemlich gehyped. Darum schauen wir uns das hier einmal genauer an.

Was macht der Stage Manager genau?

Das steht in der Pressemitteilung:

Stage Manager sorgt für ein komplett neues Multitasking-Erlebnis, bei dem Apps und Fenster automatisch organisiert werden und Nutzer:innen schnell und einfach zwischen Aufgaben wechseln können. Erstmals können Nutzer:innen damit auf dem iPad unterschiedlich große überlappende Fenster in einer einzelnen Ansicht erstellen, Fenster von der Seite per Drag & Drop ziehen und ablegen oder Apps aus dem Dock öffnen, um Gruppen von Apps zu erstellen – für schnelleres, flexibleres Multitasking. Das Fenster der App, in dem die Nutzer:innen arbeiten, wird in der Mitte angezeigt. Andere geöffnete Apps und Fenster werden auf der linken Seite in der Reihenfolge ihrer Aktualität angeordnet.

Hier stecken abgesehen vom Marketing-Blabla drei Infos drin:

  • Links sind Apps und Fenster in der Reihenfolge ihrer Aktualität angeordnet.
  • Man kann Apps und Fenster gruppieren.
  • Auch auf dem iPad kann man nun unterschiedliche große überlappende Fenster nutzen (zu den Einschränkungen kommen wir weiter unten)

Schauen wir uns zunächst die MacOS X-Version an. Wir sehen auf dem folgenden Bildschirmfoto 5 Apps/Fenster auf der linken Seite, wenn man genau nachsieht, dann sieht man sogar noch mehr, denn zwei Apps/Fenster sind bereits gruppiert (ganz unten).

Klickt man auf diese Fenster, dann sieht man die Fenster übereinander, hier mit einem anderen Beispiel:

Auf meinem eher kleinen 14″-Bildschirm ergibt das wenig Sinn. Ich kann zwar noch mit command-Tab zwischen den Fenstern wechseln, aber ich sehe die für meine Aufgabe zusammengehörenden Fenster nicht so, wie ich es bräuchte. Wahrscheinlich ist es bei einem so kleinen Screen besser, wenn man jedes für eine Aufgabe benötigte Fenster einzeln im Stage Manager ablegt.

So richtig gut funktioniert das noch nicht mit der Organisation der Fenster. RStudio zum Beispiel öffnet ein neues Fenster, wenn ich Code committe. Dieses wird nicht dem Hauptfenster von RStudio zugeordnet, sondern ist ein komplett neues Fenster. Das ist auch auf dem Screenshot oben zu sehen mit einem Mail-Fenster. So richtig zuende gedacht kommt mir das nicht vor.

Was aber ganz nett ist: Sieht man sich in einem Browser-Fenster ein YouTube-Video an, so wird dieses auch in der linken Leiste weitergespielt. Nicht dass man dann noch viel sehen könnte, aber in YouTubes Theatermodus kann man einem Video schon etwas folgen. Wie das der Konzentration zum Vorteil gereicht, das steht auf einem anderen Blatt.

Was sind die Vorteile?

Zunächst war ich etwas enttäuscht vom Stage Manager. Was soll hieran besser sein, wenn man für eine Aufgabe zwischen verschiedenen Apps wechseln muss? Für mich liegt der Vorteil in etwas völlig anderem, was Apple wahrscheinlich gar nicht so vorgesehen hat.

Wechselt man heute von einer App zu einer anderen, so verliert man die Sicht auf die vorherige App. Und so kann es passieren, dass man vergisst, was man eigentlich wollte (“Schnell noch mal gucken, was in der Mail genau geschrieben wurde… oh, da ist eine neue Mail, die muss ich erst einmal lesen”). Dadurch, dass die vorherigen Apps aber sichtbar sind, wird man sehr schnell daran erinnert, was man eigentlich tun wollte. Das hat bei mir in den wenigen Tagen, die ich den Stage Manager ausprobiert habe, schon ganz gut funktioniert.

Wie funktioniert der Stage Manager auf dem iPad?

Den Stage Manager gibt es auch auf dem iPad, allerdings nur für iPads mit einem M1-Prozessor. Mein nicht mal 1 Jahr altes iPad Air kann den Stage Manager also nicht nutzen. Nichtsdestotrotz konnte ich den Stage Manager auch auf einem iPad testen.

Zunächst einmal habe ich mich gefragt, wie viel Sinn der Stage Manager auf einem kleinen iPad-Screen ergibt. Klar, man kann iPads auch an einem externen Display anschließen. Da funktioniert das sicherlich gut. Ansonsten sehe ich die gleichen Vor- und Nachteile wie auf der MacOS-Version. Hier der Screen mit gebündelten Apps links:

Die übereinander liegenden Fenster auf dem iPad ergeben hier für mich noch weniger Sinn, allerdings habe ich auch nur ein 11″-Modell.

Braucht man den Stage Manager wirklich?

Ich bin etwas besorgt, dass dem Stage Manager das gleiche Schicksal widerfährt wie Mission Control: Kaum jemand kennt das Feature, die meisten Nutzer kommen wahrscheinlich nur aus Versehen da rein. Zudem muss man Stage Manager erst einmal aktivieren. Meine Vermutung ist, dass die meisten Nutzer die neuen OS-Versionen einfach nur deswegen installieren, weil sie automatisch installiert werden, nicht weil sie es unbedingt wollen (im Gegensatz zu früher, wo man sehnsüchtig auf eine neue MacOS-Version gewartet hat, zum Beispiel 1997 auf MaOS 8, für das man auch noch knapp 200 Euro bezahlen musste). Auf der anderen Seite merkt man manchmal erst, wie gut ein Feature es ist, wenn man es hat.

Die anderen Neuerungen der neuen OS-Versionen sind Kosmetik. Die Systemeinstellungen sehen auf MacOS jetzt genau so aus wie auf iOS und iPadOS. Sehr gespannt bin ich auf Freeform, aber das ist leider noch nicht in der Beta-Version dabei.

Apple Notizen – das wahre Memex für Wissensmanagement und Produktivität

1945 veröffentlichte Vannevar Bush seinen Artikel „As we may think“, in dem er über ein System namens Memex schrieb. Memex nahm Systeme und Ansätze wie HyperText vorweg, um verschiedene Arten von Materialen anhand von Stichworten verknüpfen und auffindbar machen zu können, „an enlarged intimate supplement to his memory“. Angesichts der damaligen technischen Möglichkeiten sollten die Daten noch auf Microfilm gespeichert werden, ansonsten war es eine ziemlich coole Apparatur:

Bushs Gedanken hatten großen Einfluss auf die Entwicklung des World Wide Webs, und sicherlich hat Wikipedia heute einiges von diesem Memex. Aber was ist mit dem eigenen Wissensmanagement? Wie speichert Ihr Gedanken, Materialien, Ideen, Notizen? Ein Problem ist, dass nicht nur Wissensarbeiter Unmengen an Informationen ausgesetzt sind, die es zu filtern, zu sortieren und durchzusehen gilt.

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Der Tool-Wahn: Produktiver arbeiten mit Bordmitteln


 

Als Student hatte ich mal den Laptop meines Professors in der Hand, weil ich etwas konfigurieren sollte. Das war ungefähr 1998, und er hatte ein cooles Wallstreet-PowerBook von Apple. Ich war schockiert, was er installiert hatte. Nämlich so gut wie nichts. Lediglich das, was mit dem Betriebssystem installiert war, und das war nicht viel. Alle seine Texte schrieb er mit dem TextEdit, dem MacOS Editor. Kein WordPerfect (was damals noch populär war), kein Microsoft Word, nix. Damals hatte ich das nicht verstanden. Wie konnte er nicht weitere Programme installieren, die seine Arbeit erleichtern würden? Heute ist dieser Prof mein Vorbild, zumindest was sein simple Herangehensweise an seinen Computer betrifft.

Seitdem habe ich unzählige Tools gesehen, die helfen sollten, produktiver zu werden oder sich selbst und das eigene Wissen zu organisieren. Einige davon habe ich ausprobiert oder sogar länger genutzt. Kaum eines davon hat sich über längere Zeit bewährt, sei es, weil die Entwickler aufgrund nachlassender Nachfrage aufgegeben hatten wie bei Life Balance, sei es, weil eine Applikation von neueren Technologien überholt wurde wie Apples HyperCard durch das World Wide Web oder weil der Käufer eines Startup-Produkts wie Wunderlist lieber sein eigenes Produkt Microsoft „To Do“ ersetzen wollte und die gekaufte Software einfach dicht machte. In den 2000er Jahren waren die Tools der Omni Group, OmniFocus, OmniOutliner etc. sowie Evernote der heiße Scheiß, heute ist es Notion und dergleichen.

Je mehr Tools ich gesehen habe, desto weniger glaube ich an sie. Beziehungsweise, ich glaube nicht mehr daran, dass es eine App für alles gibt oder es eine App für alles geben sollte. Kompetenz ist wichtiger ist als ein Tool. Ein Tool kann Inkompetenz nicht kompensieren. Es ist fast egal, welches Tool man nutzt, wenn man weiß, was man tut. Umgekehrt funktioniert das nicht. A fool with a tool is still a fool.

So wie man beim Digitalen Minimalismus hinterfragen sollte, welchen Mehrwert eine neue App bringen soll, kann man auch einfach die Frage stellen, ob ein bereits mit dem Betriebssystem installiertes Programm den Job nicht auch erledigen kann. So ist Apples Erinnerungen mittlerweile ganz passabel und synchronisiert sich wie Apple Notizen auch auf allen Devices. Ich habe keine Ahnung von Microsoft Windows, vielleicht funktioniert das da alles genau so gut. Das Google-Universum bietet ebenso eine Geräte-übergreifende Experience mit allen möglichen Tools. Natürlich kann und sollte man sich auch fragen, ob es sinnvoll ist, seine Daten irgendeiner Firma zu überlassen. Wer es ganz kompliziert will, findet auf Linux-Systemen auch jede Menge Bordmittel.

Der Ansatz, so gut wie nur mit Bordmitteln zu arbeiten, hat viele Vorteile. Kein FOMO. Einfach alles ignorieren, was einem als der neueste Produktivitätsgewinn verkauft wird. Kein Zumüllen der Festplatte mehr. Anstatt produktiv zu prokrastinieren, indem man Tools sucht und lernt, um die anstehende Arbeit schneller bewältigen zu können, einfach die Arbeit erledigen, die ansteht. Die paar Software-Tools, die ich nun zusätzlich habe, kann ich an zwei Händen abzählen, z.B. R, RStudio, TexShop, Ableton Live… und Letzteres hätte ich vielleicht auch mit GarageBand erledigen können. Mein Dock ist unverändert seit der Erstinstallation des Rechners.

Im nächsten Schritt geht es um die Organisation der eigenen Dateien. Dazu zu einem späteren Zeitpunkt mehr.

Warum Druck auf “die Technik” immer das Gegenteil bewirkt


Ich bin jetzt seit über 20 Jahren im IT-Bereich, davon einige Zeit als Entwickler, und wenn ich ein immer wiederkehrendes Muster sehe, dann, dass diejenigen, die versuchen unnötigen Druck auf Entwickler oder Techniker auszuüben, fast immer das Gegenteil erreichen. Das verstehen sie meistens nicht, weil sie sich im Recht sehen. Aber es ist eigentlich ganz einfach zu verstehen.

In diesem Artikel werde ich mich eines Instruments bedienen, dessen Urheber ich nicht kenne, und ich wäre superdankbar, wenn das jemand aufklären könnte. Irgendwann vor 20 Jahren brachte mir das mal ein IBMler oder so bei, und ich finde es immer noch beeindruckend.

Das Instrument funktioniert so: In der Grafik ist ein Projektgegenstand als Quadrat aufgezeichnet mit 4 Dimensionen, Qualität, Quantität, Geld und Zeit. Und in der Mitte ist die Produktivität des Teams, P. Wenn ich etwas ändern möchte, zum Beispiel den Liefergegenstand in weniger Zeit erhalten, dann muss ich die Fläche von P anders verteilen, denn die Fläche von P bleibt immer gleich. Ich kann also P auf der Achse der Zeit nach unten schieben (daher das Minus für weniger) und muss dann aussuchen, wie viel ich von den anderen Parametern Qualität, Quantität und Geld ich modifizieren möchte, damit die Fläche von P gleich bleiben kann. Ich kann zum Beispiel sagen, ok, dann gehe ich bei der Quantität runter (Richtung -), oder bei Quantität runter und bei Geld hoch, wie auch immer. Aber ich muss halt irgendwo was ändern, um die Änderung eines Parameters ändern zu können. Das ist ganz gut zu sehen in dem zweiten Bild.

Denn hier wurde das genau durchgeführt: Weniger Zeit, dafür aber auch weniger Quantität. Vollkommen logisch, oder?

Nun ist es aber so, dass manche denken, sie könnten P vergrößern, indem sie Druck ausüben. Das ist manchmal auch so. P kann temporär vergrößert werden. Und wenn wir ehrlich sind, wenn man das nicht akzeptiert, dann ist man in dieser Branche falsch. Gehört dazu. Weil man zum Beispiel weiß, dass von einem Launch-Datum sehr viel abhängt. Weil man selber viel investiert hat an Herzblut und sein Baby zum Laufen bekommen möchte. Er muss also gar nicht immer von außen kommen, der Druck. Denn wenn ein Entwickler die Notwendigkeit sieht, dann wird sie oder er immer alles dafür tun, dass es funktioniert. Ist so eine Art Ehrencodex. Ich kann schlecht damit leben, wenn ich nicht richtig abgeliefert habe, obwohl ich es versprochen habe. Und mir sind dann auch die Nachtschichten egal.

Allerdings kann P nicht ewig vergrößert werden. Irgendwann ist der Ofen aus. Man kann nicht mehr. Oder man sieht nicht mehr ein, warum immer so schlecht geplant wird. Oder, noch schlimmer, man sieht nicht, warum überhaupt P vergrößert werden muss, wenn Gründe angeführt werden, die am Ende des Tages nicht wirklich sinnvoll oder sogar übertrieben sind. Ich habe während der Dotcom-Zeit mal zufällig mitbekommen, dass eine Produktmanagerin sagte, dass der Druck auf mein Team immer hoch bleiben müsse. Das war nicht für meine Ohren bestimmt. Aber sie hatte auch nicht eingesehen, warum das nicht gesund ist. Irgendwann gehen die Leute. Und dann gehen meistens die Besseren. Die, die nicht gut sind und auch nicht bereit sind, die Extra-Meile zu gehen, die bleiben. Und die, die bereit sind zu investieren, weil sie ihren Job verdammt gerne machen, die gehen. Weil sie es nicht einsehen. Ständiger Druck bringt also nichts, ganz im Gegenteil. Kurzfristig vielleicht, aber man zahlt zigfach drauf, weil die Besten gehen. Und dann ist P noch kleiner. Und es dauert lange, bis ein neuer Kollege so eingearbeitet ist, dass P wieder auf dem alten Stand ist.

Schlimmer noch, man macht sich sich als Druckgeber auch noch unglaubwürdig. Vor allem wenn es dann heißt “Wir müssen doch zusammenhalten im Team.” Das ist so wie “Mensch, ja, Du trägst mich zwar auf Deinen Schultern, aber wir müssen zusammenhalten, also geh doch noch mal weiter.” Manchmal meinen diese Menschen es auch gar nicht so. Sie haben selber Deadlines und sie geben den Druck auch noch weiter. Ok. Aber wenn ein Team eh schon sehr viel zu tun hat und dann noch jemand kommt, dann darf man sich auch nicht wundern, dass P eben nicht größer geht, wenn es eh schon freiwillig (!) vom Team vergrößert wurde. Und dann wird das eben irgendwann nicht mehr getan.

Hinzu kommt, dass jede Eskalation nur noch mehr Zeit kostet. Jede E-Mail, wann etwas fertig wird, jedes Meeting, nichts führt dazu, dass der Tag mehr Stunden hätte. Im Gegenteil. Man klaut den Menschen, die die Arbeit tun müssen, einfach nur noch Zeit, die sie eigentlich bräuchten, um ihre Aufgaben zu erfüllen. Jedes “Ich brauche das aber unbedingt heute noch” bedeutet eben nicht, dass der Tag dadurch mehr Zeit hätte oder andere Deadlines aufgegeben werden können. Das müsste eigentlich auch dem Druckgeber klar sein. Aber so wird es eben gerne gespielt. Mit dem gegenteiligen Effekt.

Wie kann man das lösen? Ich zeichne zum Beispiel immer gerne dieses Quadrat auf. Und erkläre, dass P nur temporär vergrößert werden kann, wenn ich glaubhaft machen kann, warum. Manche Entwickler erhöhen P intrinsisch. Aber eben auch nicht ewig. Und ich werde mich immer vor mein Team stellen, wenn P eben nicht weiter sinnvoll erhöht werden kann und der Druckgeber auch noch unfair spielt. Die Erfahrung zeigt auch, je weiter der Druckgeber verständnistechnisch von dem entfernt ist, was die Entwickler tun, desto größer der unnötige Druck. Erfahrungen aus 20 Jahren. Trotz aller neuen Methoden, Prozesse… nichts hat die Gültigkeit von diesem Quadrat verändern können. Take it or leave it.

Das Ende der Massenbeschäftigung


In der ZEIT vom 4. Dezember 2014 wird wieder über alternative Wirtschaftfsformen durch den technologiebedingten Wegfall von Arbeitsplätzen geschrieben, dieses Mal in einem Interview von Uwe Jean Heuser mit Jeremy Rafkin. Dieser zitiert eine Rede von Larry Summers aus dem Jahr 2001, der sagte, dass die Wirtschaft eine neue Revolution wie die der ELektrifizierung erleben werde, denn Grenzkosten für Video-, Audio- und Textinformationen werden auf fast 0 sinken. Gewinne könne man dann nur noch durch Monopole erzielen, aber man wisse noch nicht, welches System den Marktkapitalismus ablösen würde. Dies, so Rafkin, sei eigentlich paradox, denn die Marktwirtschaft hätte dann die effizientesten Märkte überhaupt geschaffen, nur gäbe es dann auch keine Gewinne mehr, so dass eine Wirtschaft des Teilens entstehen könne. Weiterlesen →

Search Inside Yourself


 

Ich hatte Anfang des Monats die Möglichkeit, das Seminar Search Inside Yourself zu besuchen. Initiiert wurde es von Meng, einem Softare-Entwickler bei Google, und mittlerweile kann das Seminar auch außerhalb von Google besucht werden. Viele Seminarteilnehmer berichten, dass es ihr Leben verändert hätte, und manche haben nach dem Seminar ganz neue Wege eingeschlagen. Wenn ich so etwas lese, dann werde ich zunächst einmal skeptisch, denn das klingt für mich sehr esoterisch und alles andere als anziehend. Es gibt aber auch wissenschaftliche Indizien dafür, dass Meditation und Achtsamkeitsübungen einen positiven Einfluss auf das Gehirn haben, insbesondere auf die Konzentrationsfähigkeit. Ein Versuch ist es wert, dachte ich mir.

Anders als die Kollegen in Mountain View habe ich das Seminar mehrere Tage hintereinander gehabt und nicht einzelne Tage über mehrere Wochen. Es waren zweieinhalb sehr intensive Tage. Ich werde nicht alles aus dem Training erzählen, es gibt auch ein sehr gutes Buch dazu, welches in jeder Hinsicht besser ist als das, was ich hier schreiben kann (das bereits 2012 gekaufte Buch hatte mich übrigens dazu bewegt, das Seminar zu belegen). Es gibt aber auch ein paar Unterschiede zum Buch, der wichtigste ist sicherlich der, dass man während des Seminars nicht anders kann als die Übungen durchzuführen.

Eine Meditations-Übung ist mir besonders in Erinnerung geblieben, die mit dem Konzept “Kindness” (am ehesten mit Liebenswürdigkeit oder Nächstenliebe zu übersetzen) zu tun hat. Man sitzt einem anderen Teilnehmer gegenüber, in meinem Fall war es eine junge Kollegin, mit der ich vorher nie gesprochen hatte. Wir sollten uns das Gesicht des anderen einprägen und dann die Augen schließen. Und dann kamen Sätze wie:

  • Dein Gegenüber hat einen Körper und einen Geist/Seele (mind), so wie Du.
  • Dein Gegenüber hat Gefühle und Gedanken, so wie Du.
  • Dein Gegenüber hat in seinem Leben Traurigkeit gespürt, Enttäuschung, Verletzungen und Verwirrungen, so wie Du.
  • Dein Gegenüber wünscht sich frei von Angst, Schmerz und Leiden zu sein, so wie Du.
  • Dein Gegenüber wünscht sich gesund, geliebt und glücklich zu sein, so wie Du.
  • Nun wollen wir uns etwas wünschen für Dein Gegenüber:
  • Ich wünsche meinem Gegenüber die Kraft, die Ressourcen und den emotionalen Support, durch die Schwierigkeiten im Leben zu navigieren.
  • Ich wünsche meinem Gegenüber frei zu sein von Schmerz und Leiden.
  • Ich wünsche meinem Gegenüber glücklich zu sein.
  • Denn mein Gegenüber ist ein menschliches Wesen, so wie ich.

Dann öffneten wir unsere Augen. Ich kann das Gefühl kaum beschreiben, das ich in dem Moment hatte.

Hier ist Mengs Vortrag bei den Vereinten Nationen, man kann deutsche Untertitel dazu schalten:

Und hier ein paar weitere Links: