Es gibt einige Dinge in England, die für Außenstehende unverständlich sind, zum Beispiel die getrennten und weit auseinander stehenden Wasserhähne für heißes und kaltes Wasser oder warum die Engländer im Linksverkehr rechts überholen aber auf der Rolltreppe in der Subway dies nur links tun (ich weiß nie, was ich tun soll, wenn mir auf einer Treppe jemand entgegen kommt).
Diese Woche habe ich in London viele Menschen mit einer roten Papierblume gesehen, die sie mit offensichtlichen Stolz an ihrem Revers trugen. Im Fernsehen trug jeder Moderator oder Reporter der BBC eine solche Papierblume. Die Papierblumen, Poppy genannt, kommen von der Royal British Legion, und man erhält sie gegen eine kleine Spende. Das Geld kommt Soldaten und Veteranen zugute. Die offensichtliche Popularität dieser Poppys zeigt, wie stolz man auf die Army ist (aus Sicht eines Nicht-Pazifisten ist dies wahrscheinlich berechtigt, und mir wurde auch zwischen den Zeilen aber dennoch sehr humorvoll klar gemacht, dass das bei uns ja nicht der Fall sein könnte). Tatsächlich wäre sowas in Deutschland undenkbar. Und während ich früher mit den britischen Soldaten eher die sich prügelnden Soldaten in Diskotheken und die Military Police assoziiert hatte, sind mir in letzter Zeit eher die vorbildlichen Umgangsformen der britischen Offiziere aufgefallen.
Ich muss gestehen, dass ich die Briten jeden Tag mehr lieb gewinne. Bei vielen Beobachtungen, von denen ich mir bisher nicht sicher war, ob sie rein anekdotischer Evidenz sind, fühle ich mich durch Bill Brysons Buch “Reif für die Insel” (doofer Titel, im Englischen heisst es “News from a small Island”) bestätigt, zum Beispiel die unglaubliche Freundlichkeit, die einem entgegen gebracht wird. Vor dem Security Check wird an jedem Flughafen die Bordkarte kontrolliert, aber nur in England wird das Vorzeigen mit einem Danke quittiert, als ob ich die Queen wäre, die das Gegenüber gerade zum Ritter geschlagen hätte, und das bei ungefähr 30 Reisenden pro Minute. Bezahlt man an der Kasse, so schallt einem das “Lovely” zurück, als hätte man der Kassiererin die Einkaufstüten nach Hause getragen. Und egal ob mich ein Skinhead oder ein geschäftiger Business Man anrempelt, es wird sich entschuldigt, dass man selbst ein schlechtes Gewissen bekommt, im Weg gestanden zu haben. Die Engländer besitzen zudem einen unglaublichen Geschmack in Bezug auf Kleidung, man sieht in kaum einer anderen Stadt so viele gut gekleidete Menschen. Und was die Küche angeht, ja, das English Breakfast ist gewöhnungsbedürftig, aber durch die Offenheit der Briten hat die internationale Küche ein Umfeld gefunden, das die Mär der zwanghaften Minzifizierung weiter in das Reich der Unwahrheit stößt.
Es gibt darüber hinaus einige andere Punkte, die man sich von den Engländern abgucken könnte, seien es die Schuluniformen, sei es der unglaubliche Humor, der selbst negative Nachrichten mit der unterschwelligen Botschaft “Es hätte auch schlimmer kommen können” aussendet. Und ja, sie sind stolz. In Deutschland könnte man sich nicht nur nicht vorstellen, den gefallenen und versehrten Soldaten zuliebe billige Papierblumen stolz am Revers zu tragen, man würde auch nie von der größten Nation der Erde sprechen, wie Tony Blair es getan hat.