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Interviews mit den Lehrenden

Als Ausgangspunkt für die Untersuchung digitalisierter Klassiker gingen wir der Frage nach, welche Bedeutung den Neuen Medien im allgemeinen und CD-ROM-Literatur im speziellen in unserem Umfeld, sprich der Universität Bielefeld, zukommt. Dazu befragten wir exemplarisch Lehrende der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft zu ihren Erfahrungen mit den Neuen Medien in Lehre und Forschung. Herr Prof. Jörg Drews (deutsche Literaturwissenschaft), Herr Prof. Braungart (deutsche Literaturwissenschaft), Herr Prof. Wolff (französische Literaturwissenschaft) und Herr Prof. Switalla (deutsche Linguistik und Didaktik des Deutschen standen uns für Gespräche bzw. Interviews zur Verfügung, auf die hier nur ausschnittssweise zurückgegriffen werden kann.12

Im Zentrum der Gespräche standen fünf Fragekategorien: die persönliche Erfahrung mit Lehrveranstaltungen zu Neuen Medien, die Arbeit mit digitalisierten Klassikern in Lehre und Forschung, die kulturelle Bedeutung von Buch und CD-ROM, die Dimension des Ästhetischen in bezug auf Buch und Neue Medien sowie damit verbunden die zukünftige Bedeutung der Neuen Medien in den Geisteswissenschaften.

Interessant an den Antworten ist besonders, daß die Entwicklung der Neuen Medien auch an ,,klassischen`` Fächern wie der Literaturwissenschaft (geschweige denn der Linguistik, und der Didaktik) nicht vorbeigeht und eine verstärkte Auseinandersetzung mit ihnen stattfindet. Dennoch gibt es gravierende Unterschiede zwischen Linguisten und Literaturwissenschaftlern, was den Umgang mit den Neuen Medien und ihren Einsatz angeht. Fielen die Antworten auf unsere Fragen im Großen recht ähnlich aus, unterscheiden sie sich doch im Detail.

Mit Ausnahme von Prof. Drews haben alle Befragten bereits Veranstaltungen zu den Neuen Medien angeboten. Seit ungefähr fünf Semestern veranstaltet Prof. Switalla regelmäßig ein Seminar zu ,,Hypertext`` mit deutlich theoretischer und formallogischer Ausrichtung. Prof. Braungart und Prof. Wolff leiteten im Sommersemester 1997 gemeinsam ein Seminar zu ,,Literaturwissenschaft im Internet und auf CD-ROM``, das sich neben einer Bestandsaufnahme des Einsatzes Neuer Medien in der Literaturwissenschaft mit Medienkritik beschäftigte. Aus dieser Veranstaltung ging das heute noch bestehende Internetbüro an der Fakultät hervor. Die Beteiligung an diesem Seminar lag bei 50 Leuten mit sehr unterschiedlichen Computerkenntnissen. Die Teilnehmerzahl in Prof. Switallas Seminaren schwankt dagegen zwischen 30 Leuten und kleinen Gruppen von fünf bis zehn Studierenden.

Die Beschäftigung mit Literatur-CDs war Teil, aber nicht Schwerpunkt der Seminare, während es nur begrenzt um digitalisierte Klassiker ging. Bei Prof. Switalla steht eher die Analyse von Kinderbüchern auf CD-ROM im Vordergrund, ein Projekt, das er als durchaus anspruchsvoll einstuft: ,,Die Leute müssen zunächst einmal lernen, literarisch-ästhetische Texte zu beschreiben, zu analysieren, zu interpretieren, sie müssen sich mit der Poetologie vertraut machen, mit der poetischen Machart, ästhetikkritisch, ästhetikanalytisch denken lernen.`` Im Seminar von Prof. Braungart und Prof. Wolff wurden die Weimarer Goethe-Ausgabe, eine Shakespeare-Ausgabe und eine Anthologie englischer Lyrik genauer untersucht.

In der persönlichen Forschungsarbeit dienen Literatur-CDs vor allem als Arbeitshilfsmittel: ,,(...) (Mein) Interesse ist im Grunde nur, das Material zugänglich zu haben, aber keineswegs in der individuellen Erarbeitungsphase, in der Problemfindungs- und Durcharbeitungsphase damit zu arbeiten``, so Prof. Braungart. Die Fülle an Daten ermögliche eine Erleichterung philologischer Detailarbeit, was beispielsweise die ,,Parallelstellenmethode`` betreffe, aber sie verändere keineswegs die Arbeitsweise. Die Recherche- und Zugriffsmöglichkeiten hebt auch Prof. Wolff hervor, dessen besonderes Interesse den Möglichkeiten gilt, die CD-ROMs der Bearbeitung und Untersuchung von Populärromanen eröffnen. Sie ersetzen nicht den Kopf des Literaturwissenschaftlers - aber sie seien ,,eine hervorragende Erweiterung des professionellen Handwerks``. Prof. Drews sieht in einer zu einseitigen Ausrichtung auf die technischen Möglichkeiten wissenschaftlicher Arbeit die Gefahr der Oberflächlichkeit, wenn beispielsweise bei literaturwissenschaftlicher Literaturrecherche, die ausführlichen und unerläßlichen gedruckten Bibliographien vernachlässigt werden. Für linguistische Fragestellungen, so Prof. Switalla, fungiert die CD nicht nur als Datenträger, sondern auch als Objekt der Untersuchung selbst, unter ästhetischen, textwissenschaftlichen, didaktischen und technologischen Gesichtspunkten.

Gleichzeitig hat das Buch, nach Einschätzung aller Befragten, keineswegs ausgedient oder ist auf dem Weg dorthin: ,,(...) die Gewichtung, der Stellenwert wird ein anderer sein``, urteilt Prof. Switalla. Gerade der Rückgriff auf die Buchmetapher im Computerbereich und der Versuch, die Vorteile der Transportierbarkeit und des geringen Buchgewichts im e-book zu vereinen, sind für Prof. Braungart ein Zeichen für die hohe kulturelle Bedeutung des Mediums Buch. Der ,,Kult des Buches`` sei kein Randphänomen: ,,Kultisch inszeniert wird immer etwas, was einem besonders bedeutsam, besonders wichtig ist``. Es gebe gar keinen Grund, die Buchkultur für tot zu erklären, und in ihrer Bedeutung für den Sozialisationsprozeß seien Bücher auch immer mehr als ein rein materieller Wert, der ohne Weiteres ersetzt werden könne.

Mit Prof. Drews teilt Prof. Braungart die Ansicht, der momentane Strom von Literatur-CDs entspringe vor allem ökonomischen Interessen. Aus der eigenen Forschungserfahrung heraus schätzt Prof. Wolff die Bedeutung des Fernsehens für die Rolle des Buches wesentlich höher ein als die der Neuen Medien. ,,Die entscheidenden Deformationen im Buchmarkt sind im Grunde damals passiert.``

Was die Neuen Medien allerdings bieten, sind neue Dimensionen des Ästhetischen, die, so die Ansicht von Prof. Braungart, die Flüchtigkeit inszenieren und zum ästhetischen Kunstgriff machen. Durch gesprochene bzw. vorgelesene Texteabschnitte auf CDs werde sogar die Rückgewinnung oraler Dimensionen des Ästhetischen ermöglicht. Diese neuen Formen der Ästhetik bedingen auch eine Veränderung literaturwissenschaftlicher Arbeitsweise: ,,Wenn es im Internet spezifische Literatur gibt, die ohne Internet nicht existenzfähig ist, dann wird das auch Folgen für die Erzählstrukturen haben``, sagte uns Prof. Wolff. Diese Überlegungen, so Prof. Switalla, müßten eigentlich jeder Form der Digitalisierung von Literatur vorausgehen, auch wenn es darum geht, bereits existierende Printtexte im neuen Medium umzusetzen: ,,Ich muß mir überlegen, was die Geschichte ist, von der der Text handelt, welche Figuren und Figurenkonstellationen vorkommen, wie der Erzählablauf strukturiert, was die narrative Organisation des Textes ist. Dann muß ich den Text umschreiben, ich muß mir eine Konfiguration erstellen, ich muß ein Gefüge von Figurenkonstellationen, von Schlüsselszenen, Schlüsselsituationen, der ereignishaften Dynamik der Geschichte getrennt darstellen und über das Neue Medium digitalisiert wieder zusammenfügen.`` Daher setzt Prof. Switalla auch die Kenntnis der Werkzeuge als ebenso unerläßlich wie das philologische Handwerkszeug voraus.

Sind die Neuen Medien ein Teil der Zukunft der Geisteswissenschaften? Ja, so die einhellige Antwort, mit einer Einschränkung von Prof. Switalla: ,,Wenn die Philologien, die Geisteswissenschaften weiterhin so organisiert bleiben, sich so verstehen, werden die Entwicklungen an den Universitäten vorbeigehen.`` Die Frage, wie diese Zukunft aussehen könnte, wurde recht unterschiedlich beantwortet. Im Bereich der Wissensvermittlung und der Wissensstrukturierung sieht Prof. Braungart die große Chance gutgemachter CD-ROMs in der Literaturwissenschaft. Für Minoritätenliteratur, die den hohen Druckkostenaufwand fast nicht lohnt, sehen Prof. Wolff und Prof. Drews eine Publikationsmöglichkeit auf CD-ROM oder im Internet. Auch Zeitschriften im Internet sei eine Zukunft beschieden, allerdings, wie Prof. Wolff sagte, mit den über Jahrhunderte entwickelten Techniken der Vorselektion und der Betreuung, sprich der Lektorierung.


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Dorothea Kraus und Tom Alby, 24. März 1999