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Die Bedeutung der Materialität des Zeichens für die Rezeption

Betrachten wir Theodor Fontanes Roman Irrungen Wirrungen zunächst in der Form der Fortsetzungsgeschichte, als die er 1887 in der Vossischen Zeitung erschien, dann als ledergebundenes Buch, und schließlich auf eine CD-ROM gebrannt. Dreimal der gleiche Text, nur auf einem anderen Medium - und doch ist es nicht derselbe:

Gegen die von der Literatur selbst entwickelte Vorstellung, wonach der Text an sich, abgehoben von jeder Materialität, existiert, muß in Erinnerung gerufen werden, daß es keinen Text ohne den Träger gibt, der ihn dem Leser (oder Hörer) darbietet, und daß es kein Verständnis von etwas Geschriebenem gibt, was auch immer es sei, das nicht von den Formen abhängen würde, in denen es seinen Leser erreicht. (Chartier Die Welt als Repräsentation 334-335)

Der französische Historiker Roger Chartier hat in zahlreichen historischen Studien zum Ancien Rˇgime in Frankreich die Bedeutung der Form eines Textes für die Rezeption und den Sinngebungsprozeß durch den Leser aufgezeigt. Beispiele für Unterschiede der Form, mit der andersartige Textinterpretationen einhergehen, sind unter anderem die Variationen der Gliederung des biblischen Textes, die Gliederung von Dramen in Akte und Szenen, die Anfang des achtzehnten Jahrhunderts von den französischen in die englischen Theaterstücke übernommen wurden oder die zumeist ursprünglich wissenschaftlichen Texte, die für ein volkstümliches Publikum aufbereitet wurden, und denen sowohl ein anderer Erwartungshorizont als auch eine andere Konstruktion von Bedeutung zugrunde lag (Die geschriebene Botschaft 126-127). Zudem können schon geringste Unterschiede oder Fehler in der Zeichensetzung den Sinn eines Satzes und damit seine Rolle im Text verändern, wie Chartier an einer historischen Ausgabe von Shakespeares Sommernachtstraum zeigt (Histoire et littˇrature 284).7

Inwieweit die Form tatsächlich massiven Einfluß auf den Sinn eines Textes für den Leser haben kann, soll am Beispiel der französischen ,,Sˇcretaires``, Anleitungen zum Verfassen von Briefen, verdeutlicht werden. Der Sˇcretaire de la Cour von Jean Puget de la Serre war als Sammlung von Briefmodellen und -anleitungen für ein höfisches Publikum gedacht, als Hilfe für die Korrespondenz mit höher- und niedriggestellten Persönlichkeiten vor dem Hintergrund höfischer Etikette. Als dieses Werk für eine breitere, volkstümlichere Leserschaft aufgelegt wurde, erreichte es ein Publikum, das keinen direkten Bezug zum Hof und seinen Umgangsformen hatte. Da gleichzeitig die Schreibanleitungen aus dem Text herausgenommen wurden und nur die Beispielbriefe erhalten blieben, konnte das Werk für das anvisierte Publikum kaum einen praktischen Nutzen haben. Der Reiz dieser Texte lag vielmehr in der ,,Neugier, die durch Abstand hervorgerufen wird`` und die die Phantasie anregte (Alltägliches Schreiben und Lesen 27).

Die momentane Entwickung der Neuen Medien ist, so Chartier, ,,vor allem eine Revolution der Träger und Formen.``(Die geschriebene Botschaft 122) Zwei neue Möglichkeiten verbindet Chartier mit dieser Veränderung der Materialität des Zeichens: Zum einen die Chance auf die Erfüllung des uralten Menschheitstraumes von der ,,Bibliothek ohne Wände``, der vollständigen Sammlung und Verfügbarkeit des schriftlichen Erbes (125-126). Zum anderen ergeben sich laut Chartier durch die Neuen Medien Interventionsmöglichkeiten für den Leser, der als ,,Ko-Autor`` fungieren und einen eigenen neuen Text aus den Bruchstücken des alten herstellen kann (124-125).

An diesem Punkt ist die digitalisierte klassische Literatur auf CD-ROM noch nicht angelangt. Was wir hier finden, ist zunächst ein Sammelsurium verschiedenster Texte, Bilder und Sound-Dateien, die um den (oder die) Primärtext(e) angeordnet sind, verbunden mit Werkzeugen zur Textbearbeitung. Niemand wird, und davon wird auch nicht ausgegangen, am Bildschirm lesen oder bei der Bettlektüre auf einen tragbaren Computer zurückgreifen (c't 15/97 und 22/98). Buchästhetik und Buchstruktur bleiben weiter bestimmend (bis hin zum Rascheln der Seiten beim ,,Umblättern`` auf dem Bildschirm wie bei den RECLAM-Anwendungen), der Originaltext wird schlicht auf ein neues Medium übertragen. Auch wenn der neue Zeichenträger und die neue Form noch nicht in die Textstruktur eingreifen, zeigen sich schon hier Veränderungen im Umgang mit dem Text, die seine Bedeutung entscheidend beeinflussen können: die Verfügbarkeit riesiger Datenmengen, die teilweise in gedruckter Form so nicht möglich wäre; die Einbettung des Textes in ein multimediales Umfeld, das die Begegnung mit dem Primärtext bereichern und in ein neues (historisches) Licht rücken kann; die Notwendigkeit von Computerwissen, von technischen Kenntnissen, um die neuen Formen der Navigation im Text nutzen zu können; Bearbeitungsfunktionen, durch die der Text seinen Selbstzweck, den weihevollen Nimbus eines Klassikers verliert und zur Arbeitsgrundlage wird. Der Gebrauch schiebt sich in den Vordergrund, der rein ästhetische Genuß tritt zurück. Entwicklungen dieser Art zeichneten sich natürlich schon vor der Zeit von CD-ROMs ab (gerade in Schule und Universität), aber durch die - wenn auch noch nicht ausgereiften - technischen Möglichkeiten des Mediums wird ein solches Textverständnis perfektioniert. Noch sind dabei Lese- und Arbeitsvorgang getrennt, aber mit den Weiterentwicklungen und Veränderungen, die sich durch das Internet und neue Formen praktikabler Bildschirmoberflächen im Bereich ästhetischer Umsetzung und Wahrnehmung abzeichnen, kann Chartiers Diktum auch für die Lektüre von Klassikern bald entscheidend werden:

Die Revolution des elektronischen Texts wird zugleich eine Revolution der Form sein. Auf einem Bildschirm zu lesen ist nicht dasselbe, wie in einem Codex zu lesen. (Chartier Die geschriebene Botschaft 122)8

Die CD-ROMs stellen eine Zwischenstufe auf einem Weg dar, der möglicherweise zu einer neuen Form des Denkens und des Bewußtseins führt, wie es der Medien- und Kulturphilosoph Vilˇm Flusser schon 1987 beschrieb. In seinem Buch Die Schrift. Hat Schreiben Zukunft?, das bemerkenswerterweise sowohl als Printtext als auch auf Diskette erschien, setzt sich Flusser mit schriftsprachlich getragenem Denken und Vorstellen und deren Veränderungen im Medienzeitalter auseinander. Die Schrift, so Flusser, überwand das vorgeschichtliche mythisch-kreisförmige Denken und führte zu logisch-linearem Denken. Erst dieses lineare Denken erzeugt Geschichtsbewußtsein:

Die Geste des Schreibens ruft das historische Bewußtsein zutage, welches sich durch immer weiteres Schreiben verstärkt und vertieft und das Schreiben seinerseits immer stärker und dichter werden läßt. (Flusser 12)9

Flusser unterscheidet drei Perioden der Kulturgeschichte nach ihren unterschiedlichen Bewußtseinsebenen und ihren verschieden strukturierten Symboltypen:

Die vorgeschichtliche Bewußtseinsebene artikuliert sich in Bildercodes, die geschichtliche alphabetisch, die neue digital. (157)

Löste die abstrakte, durch Begriffe und Zahlen geprägte lineare Schrift die konkreten magisch-mythischen Bilder ab, so wird sie nun ihrerseits ersetzt durch die wiederum konkreten synthetischen Bilder des Computers, die künstlich sind, und für die noch Methoden der kritischen Analyse gefunden werden müssen (149). Was sich dabei laut Flusser nicht retten kann, ist das alphabetische Modell des Bewußtseins und das lineare Denken, das durch die Schrift geprägt wurde und das durch die neue Bewußtseinsform im Medienzeitalter aufgehoben, transformiert wird (157).

Das führt, ähnlich Chartiers Argumentation, zu neuen Formen des Lesens, das als ,,aktives Knüpfen von Querverbindungen zwischen den verfügbaren Informationselementen`` beschrieben wird (150). Der künftige Leser entnimmt nicht dem Gelesenen einen Sinn, er vergibt ihn selber (85). Damit aber knüpft er sich auch seine eigenen ,,Zeitströme``, ist er dem Geschichtsbewußtsein, wie wir es heute kennen, entzogen (151).

Es geht bei diesem Übergang aus den alten Lesarten in die neue um den Sprung aus dem historischen, wertenden, politischen Bewußtsein in ein kybernetisches, sinngebendes, spielerisches Bewußtsein. (85)

Vielleicht ist es gerade dieses ,,spielerische`` Bewußtsein, das auch im Bereich der Literaturästhetik einen neuen Umgang mit klassischen Texten ermöglicht. Wie sich unsere Rezeption, unsere Wahrnehmung und unser Bewußtsein in der Zukunft ändern wird, ob unser Denken tatsächlich die Linearität überwindet und in Hypertextstrukturen aufgeht, ist zum jetzigen Zeitpunkt schwer abzuschätzen. Flussers radikale These von der völligen Auflösung dieser Art des Denkens ist zudem auch mit Vorsicht zu genießen: Wird die Durchsetzung des Medienzeitalters tatsächlich das Ende unserer Schrift, unseres vertrauten ,,alphabetischen`` Denkens bedeuten?10 Ist sie so zwangsläufig, wie Flusser beschreibt, sind wir ,,Saurier``, wenn wir an der Schrift festhalten (8)?11 Flusser verfaßte seinen Text vor mehr als zehn Jahren: Ein Essay, wie er betonte, ein Versuch, der nicht den Anspruch auf Letztgültigkeit erhebt, sondern weitergeführt werden will. Darin liegt der Wert seines Textes und seiner Thesen: Sie fordern die Diskussion heraus, sie formulieren Fragen, die heute immer noch gestellt werden und der Beantwortung und Beobachtung harren:

Das eben ist das Dramatische am essayistischen Denken: Es kennt seine eigene Inkompetenz und wendet sich an Kompetentere, um den Versuch fortzuführen. (160)

Eine Untersuchung zu digitalisierten Klassikern ist von dem Problemfeld des Bewußtseins, des Lesens und des Denkens letztendlich nicht zu trennen. Die digitalisierten Klassiker in ihrer heutigen Form tragen zwar nicht zu einer Auflösung des linearen Denkens bei und wollen es auch nicht. Doch nutzen sie elementar die Möglichkeiten der Neuen Medien und geben einer neuen Form von Texten, einer neuen Materialität des Zeichens Raum. Die Sinngebung, die Interpretation wird damit Wandlungen unterworfen. Wir lesen gleichsam einen neuen Text. Wie man die veränderte Art und Weise der Rezeption erforschen kann, muß eine andere Frage bleiben. Doch beschäftigt sich auch eine Untersuchung wie die vorliegende implizit mit derartigen Fragen, wenn sie einen Blick auf Produktion und Akzeptanz von digitalisierten Klassikern, auf die Bedeutung der Neuen Medien in der Universität wirft.


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Dorothea Kraus und Tom Alby, 24. März 1999