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Einleitung

,,Die CD-ROM ist tot, es lebe das Buch``- so wird heute schon im Gegensatz zu früheren Prophezeiungen behauptet (Feibel und Kurzidim 236), die davon ausgingen, daß die Zeiten des Buches aufgrund seiner ,,veralteten Benutzerschnittstelle`` vorbei seien. Ein literarisches Produkt, das neben digitalisierten Kinderbüchern, Lehrmaterialien und Nachschlagewerken wie der ENZYKLOPäDIA BRITANNICA im Zuge des Multimedia-Hypes auf den Markt geworfen wurde, waren Klassikerausgaben auf CD-ROM: Sei es zu Leben und Werk eines einzelnen Autors (beispielsweise Thomas Mann: Rollende Sphären), sei es als umfassender Rundgang durch die Literaturgeschichte (Deutsche Literatur von Lessing bis Kafka) oder als einzelner Text eines klassischen Autors mit Zusatzmaterial wie die RECLAM-CDs - es gibt viele Möglichkeiten zum digitalen Streifzug durch die klassische Literatur.

Dieses Phänomen des Medientransfers zu untersuchen, ist das Ziel dieser Arbeit. Wenn das Lernen und Arbeiten der Zukunft immer mehr durch multimediale Anwendungen geprägt sein soll, stellt sich die Frage, welche Rolle die digitalisierten Klassiker in der literaturwissenschaftlichen Arbeit mit Texten in der Schule und an den Universitäten einnehmen werden. Anders gefragt: Welche Rolle können sie überhaupt einnehmen? Aus welchen Interessen heraus, mit welchem Anspruch und welcher Leitidee werden digitalisierte Klassiker produziert? Wie werden sie von den Benutzern zum heutigen Zeitpunkt akzeptiert, wie werden sie rezipiert? In welcher Art und Weise erfolgt die Umsetzung von Klassikern auf CD, inwiefern werden dabei die Möglichkeiten der Neuen Medien genutzt? Wie wird sich das Verhältnis von Buch und digitaler Literatur in Zukunft entwickeln?

Die folgende Untersuchung versucht, sich diesen Fragen im Rahmen einer empirischen Untersuchung zu nähern. Dazu befragten wir einerseits Lehrende der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft an der Universität Bielefeld, andererseits wandten wir uns in einer Fragebogenaktion an die Studierenden. Im Zentrum stand jeweils die Erfahrung und Arbeit mit digitalisierten Klassikern, doch ging es darüber hinaus auch um Fragen der Computerkenntnisse und die Einschätzung der Neuen Medien. Zudem traten wir an verschiedene Verlage, die Literatur-CDs produzieren, mit der Bitte um ein kurzes Interview zu den Produktionsbedingungen und Zielgruppen heran.

Ein zweiter Schwerpunkt unserer Untersuchung lag auf der Beurteilung von digitalisierten Klassikern selbst. Dabei wurden zwei vom Textinhalt vergleichbare CDs ausgewählt: Theodor Fontane aus der BIBLIOTHEK XLIBRIS und Theodor Fontane: Irrungen, WirrungenÊaus der Reihe KLASSIKER AUF CD-ROM von RECLAM. Umfang, Benutzeroberflächengestaltung und Funktionalität waren dabei drei zentrale Bewertungskriterien. Unsere Ergebnisse überprüften wir stichprobenartig, indem wir die jeweiligen Programme von Benutzern testen ließen.

Im Rahmen einer Semesterarbeit sind einer solchen Studie unumgängliche Grenzen gesetzt; Grenzen des Umfangs, der Ausweitung an Befragungs- und Testpersonen, der Repräsentativität der Ergebnisse, auch Grenzen der theoretischen Reflexion, die im Umgang mit den Neuen Medien unerläßlich ist. In diesem Sinne kann und will diese Arbeit nicht mehr als eine Vorstudie darstellen. Doch ging es uns vor allem darum, Anknüpfungspunkte aufzuzeigen, die vielleicht erahnen lassen, in welche Richtung sich die momentane Entwicklung auf dem Klassiker-CD-Markt bewegt. In der sich rasch wandelnden Medienwelt ist diese Arbeit lediglich eine kurze Bestandsaufnahme, um sich des gegenwärtigen Standpunktes zu vergewissern.

Einige theoretische Anmerkungen zur Einbettung der digitalisierten Klassiker in das Problemfeld der neuen Medien und die damit verbundenen Veränderungen in der Form eines Textes stehen am Anfang der Arbeit. Als erster Schritt erfolgt eine Definition und Problematisierung wichtiger Begriffe wie ,,Hypertext``, ,,Interaktivität`` und ,,Multimedialität``. Im Anschluß soll ein kurzer Blick auf die Verbindung von Medium, Schrift und Bewußtsein, die Materialität des Zeichens und ihren Einfluß auf die Rezeption von Texten folgen. Dabei geht es nicht um eine Diskussion des aktuellen Forschungsstandes, sondern um die Betrachtung der digitalisierten Klassiker unter zwei gleichsam ,,historischen`` Positionen: Im Zentrum stehen zum einen die Thesen des Historikers Roger Chartier, der die Bedeutung der Form eines Textes für die Sinngebung im 17. und 18. Jahrhundert untersucht hat. Zum anderen soll die kulturgeschichtliche Studie Die Schrift des Medienphilosophen VilŽm Flusser vorgestellt werden, die zuerst 1987 erschien und sich mit den historischen Entwicklungen und Bedeutungen der Schrift, des Denkens und des Bewußtseins auseinandersetzt. An diese theoretische Heranführung an den Themenkomplex der digitalisierten Klassiker schließen sich die Ergebnisse unserer Befragungen an, sowie im zweiten Teil die Ergebnisse unserer CD-Bewertung und des Benutzertests. Eine Schlußfolgerung und der Versuch eines Ausblicks in die Zukunft der digitalisierten Klassiker und der Neuen Medien im allgemeinen bilden den Abschluß.

Für ihre Mithilfe und Unterstützung danken wir Hern Prof. Braungart, Herrn Prof. Drews, Herrn Prof. Switalla, Herrn Prof. Wolff, Herrn Schöllhammer von XLIBRIS, Herrn Suppanz von RECLAM, Herrn Möllers von TERZIO, Frau Lahl von NAVIGO, Herrn Groß (Fragebogen und Statistik) sowie unseren Kommilitonen, die uns bereitwillig für Befragungen und Tests zur Verfügung standen.


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Dorothea Kraus und Tom Alby, 24. März 1999