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Analyse der Ergebnisse

Die Ergebnisse des Fragebogens lassen sich in drei Thesen zusammenfassen:

  1. Der Computer wird vor allem für pragmatische Zwecke (wie die Textverarbeitung) und zur Arbeitserleichterung eingesetzt. Eine intensive Auseinandersetzung mit diesem Medium und seinen Möglichkeiten findet kaum statt.

    Obgleich 80 Prozent der Befragten angeben, einen Computer zu besitzen, schätzen fast ebenso viele ihre Computerkenntnisse als gering oder gar nicht vorhanden ein.

    In neue Software wird kaum Geld investiert, möglicherweise ein Zeichen dafür, daß das Vorhandene eine akzeptable Arbeitsgrundlage ist und kein Grund zur Innovation besteht. Auch kann es ein Hinweis darauf sein, daß die Zahl der Computerbesitzer nicht die tatsächlichen Eigentumsverhältnisse widerspiegelt: Wenn der Vater oder Bruder etc. die Software kauft, muß man selber kein Geld ausgeben.14 Einen Computerneukauf plant nur eine Minderheit; auch das mag dafür sprechen, daß weniger Neuerung und Aktualität, sondern vielmehr solide Arbeitsbedingungen von Bedeutung sind. Bei Geisteswissenschaftlern liegt es nahe, hier an Textverarbeitung zu denken. Der Internetzugang ist für 44 Prozent aller Befragten noch Zukunftsmusik, und immerhin 15 Prozent haben gar kein Interesse daran. Das verwundert an einer Universität wie Bielefeld, an der die Studierenden das Paßwort für den Internet-Zugang gleich zusammen mit der Einschreibung erhalten, und an der kostenlose Einführungen angeboten werden.

  2. Digitalisierte Klassiker sind wenig bekannt und kaum gefragt. Ihr Hauptzweck wird in der Informationsbeschaffung gesehen, nicht in der konkreten Arbeit mit dem Text. Über den Mehrwert der CD-ROMs gegenüber dem Buch herrscht Unklarheit, die Möglichkeiten von Multimedia und Interaktivität sind wenig gefragt. Unsicherheit und Skepsis zeichnen insgesamt die Ansichten zum Feld digitalisierter Literatur aus.

    Nur ein verschwindend geringer Prozentsatz der Befragten bekundet großes Interesse an digitalisierten Klassikern, während es bei der eindeutigen Mehrheit eher gering ist: 3 Prozent der Befragten stehen hier 61 Prozent gegenüber. Lediglich 14 Prozent haben schon einmal mit digitalisierter Literatur gearbeitet. Den Spitzenplatz in der Angabe des Zwecks dieses Mediums nehmen Textgrundlage und Zusatzinformation zu Autor, Epoche etc. ein. Erwartet wird vor allem die Angabe von Sekundärliteratur, aber auch die Inhaltsangabe neben dem Gesamttext. Die Bedeutung als Arbeitshilfsmittel zur Textanalyse (z.B. über eine Suchfunktion) steht nicht im Vordergrund. Weniger als die Hälfte könnte sich vorstellen, z.B. mit Hilfe der Notizzettelfunktion den Computer zum alleinigen Arbeitsplatz umzuwandeln.

    Im Rahmen der Fragen zu den digitalisierten Klassikern werden einige Widersprüche deutlich, die auf Unsicherheit in der Einschätzung des Mediums hinweisen. 76 Prozent wünschen sich eine Suchfunktion, obgleich die Hilfsmittel-Rolle der CD-ROM hinter anderen Verwendungszwecken zurücksteht. Zudem wird der größte Vorteil der CD-ROMs gegenüber dem Buch in der Bearbeitungsmöglichkeit des Textes gesehen. Digitalisierte Literatur scheint aber weder Ersatz noch Alternative zum Buch zu sein: Die Mehrheit der Befragten würde sich die CD nicht anstelle des Buches kaufen, doch ein fast gleich großer Prozentsatz kann sich genausowenig vorstellen, eine CD zusätzlich zum Buch zu erwerben. Eine deutliche Mehrheit sieht allerdings auch keinen prinzipiellen Vorteil des Buches vor der CD-ROM, während es ein erstaunlich hoher Prozentsatz (43 Prozent) - entgegen unseren Erwartungen - als Vorteil betrachtet, daß bei der CD-ROM Lesen und Arbeiten am Bildschirm zusammenfallen.

    Die Wiedersprüchlichkeit in den Ergebnissen mag eine Folge davon sein, daß sich ein Großteil der Befragten zu etwas äußern sollte, das ihnen unbekannt war und das sie nicht nach Erfahrungswerten beurteilen konnten. Gleichzeitig zeugen die Ergebnisse aber auch von einer fehlenden Auseinandersetzung mit den Vor- und Nachteilen des Mediums Buch und einer Gewöhnung an die traditionellen Lern- und Arbeitsmethoden.

    Die Literatur-CD-ROM als praktischer Informationsträger - für diese Einschätzung sprechen ebenfalls die Angaben zu multimedialen Ergänzungen auf CDs. Bilder werden noch am ehesten erwartet, aber auch von weniger als der Hälfte. Animationen und Videos dagegen sind in der Erwartungsliste weit abgeschlagen, als handle es sich hierbei um überflüssige ,,Kinkerlitzchen``. Eine Vorstellung vom tatsächlichen Mehrwert einer Literatur-CD-ROM gegenüber dem Buch scheint genauso zu fehlen eine Idee von den Möglichkeiten des Einsatzes und des Gebrauchs. Allerdings besteht neben den prinzipiellen Vorbehalten zumindest teilweise die Neugier, sich Literatur-CD-ROMs zuzuwenden: 34 Prozent bekundeten ihr - wenn auch nicht großes - Interesse.

  3. Die Bedeutung der Neuen Medien für die Geisteswissenschaften der Zukunft wird zwar erkannt, aber nicht unbedingt begrüßt.15 Es läßt sich eine Tendenz zur Beibehaltung der gewohnten und etablierten geisteswissenschaftlichen Arbeitsweise erkennen.

    Die Ansicht, daß die Neuen Medien und das Internet die Geisteswissenschaften verändern werden, wird von einer Mehrheit geteilt. Was die Bedeutung der CD-ROMs angeht, glauben eindeutige 88 Prozent nicht daran, daß sie die des Buches übersteigen wird. Bei dieser Frage mag die emotionale Ablehnung dieser Vorstellung die kritische Reflexion überwogen haben. Eine interessante Diskrepanz tut sich in den Fragen 25 und 26 auf: Zwar glauben die meisten Befragten nicht, daß die Neuen Medien in den Geisteswissenschaften überbewertet werden, aber sie sind auch nicht der Meinung, daß an der Universität zuwenig damit gearbeitet wird. Eine klägliche Minderheit von 5 Prozent lehnt die These von der Unterbewertung mit Entschiedenheit ab; demgegenüber steht eine ebensolche Minderheit von 8 Prozent, die auch an der Uni gern mehr mit den Neuen Medien arbeiten würde. Von einem ausgewogenen Einsatz neuer Medien kann aber weder in Bielefeld noch an einer anderen deutschen Hochschule die Rede sein. Vielmehr scheint hier ein gewisser Vorbehalt gegen Computertechnologie mitzuschwingen.16

Diese Ergebnisse spiegeln nur die Meinung eines kleinen Ausschnitts von Studierenden wider, und es handelt sich noch nicht um die Generation, die von klein auf mit dem Computer vertraut und auch in der Schule damit intensiv in Berührung gekommen ist. Es sollte vielmehr bedenklich stimmen, daß hier eine Generation von Lehrern und Lehrerinnen heranwächst (fast 90 Prozent der Befragten streben das Staatsexamen an), deren Schüler sie dereinst an Computerkenntnis überflügeln werden.


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Dorothea Kraus und Tom Alby, 24. März 1999